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Psychiaterin Heidi Kastner „Toleranz – der falsche Weg“ Über den Megatrend Dummheit

Die Dummheit kommt immer mehr in Mode. Die Linzer Ärztin und Autorin Heidi Kastner hat Dummheit als die Tendenz untersucht, nach der Fakten ignoriert und Fachwissen abgekanzelt wird. Es entscheiden Gefühle.

Die Dummheit lässt sich weniger am IQ oder einzelnen kognitiven Fähigkeiten festmachen. Heidi Kastner beschreibt eine Taktik, für den unmittelbaren Vorteil langfristige und negative Folgen für sich und andere zu missachten. Aber auch als die Haltung, die Wissensfragen zu Glaubensfragen macht. Wer nur nach seinem Gefühl entscheidet oder aus seinen Fehlern nicht lernt, ist dumm. Zu diesen eher zeitlosen Dummheitsindikatoren kommen in Zeiten von Social Media
weitere hinzu: der Glaube, die Wahrheit gerade deshalb zu besitzen, weil man sich als Außenseiter von einer Verschwörung ausgegrenzt wähnt; die schlaumeiernde Skepsis gegenüber allen Experten; der Hang, zu allem und jedem eine extreme Meinung haben zu müssen, anstatt sich selbst hin und wieder Ahnungslosigkeit einzugestehen. Das nähme aus so mancher Debatte viel Hitzköpfigkeit heraus. Heidi Kastner meint: Die Dummheit in unserer Gesellschaft wächst leider, geriert sich immer schamloser und tritt immer selbstbewusster auf. Mit zu viel Toleranz gegenüber der Dummheit ist der Schlaue und Reflektierte allerdings auch schlecht beraten: Das zeigen die Radikalisierungstendenzen unserer Zeit, ob nun bei Twitter-Mobs oder wütenden Demonstranten. Heidi Kastner plädiert für eine begrenzte Dialogbereitschaft: Zu oft werde ohnehin nur zu zweit monologisiert – da dürfe man sich nichts vormachen und kann den Pseudodialog getrost beenden.



Adelheid „Heidi“ Kastner, geboren 1962, ist ausgebildete Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und seit 2005 Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklinik Linz. Zudem ist sie als Gerichtsgutachterin tätig. Veröffentlichungen: „Dummheit” (2021), „Tatort Trennung. Ein Psychogramm” (2016), „Wut. Plädoyer für ein verpöntes Gefühl” (2014), „Schuldhaft. Täter und ihre Innenwelten” (2012), „Täter Väter. Väter als Täter am eigenen Kind” (2009).

© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 15.5.2022

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