„Der Vulkan“ Zum Tod von Lonnie Smith Von Andrian Kreye

Dr. Lonnie Smith war einer der ersten, die verstanden, dass man die Hammond zum Fauchen, Keuchen, Brüllen bringen muss.

Der stets Turban-gekrönte Jazzorganist Dr. Lonnie Smith ist gestorben, der weder ein Doktor war, noch ein Schiite, Sikh oder Sufi. Mitte der Siebzigerjahre legte er sich den Titel und den Kopfschmuck zu. Nicht zuletzt, weil da Lonnie Liston Smith zu Ruhm und Ehren kam, der auch Orgel und Klavier spielte. Mitte der Siebzigerjahre nahm Smith, wie so viele andere Jazzmusiker auch, Funk-Platten auf, in der Hoffnung im Kielwasser von James Brown in der neuen Welt von Pop und Rock aus den Niedriglohn-Nischen der Jazzclubs und Kleinlabels auszubrechen. Er hatte damals schon eine steile Karrierekurve hinter sich. Aufgewachsen in der Provinz von Upstate New York sang er zunächst in R&B-Gruppen, bevor ihm der Besitzer eines Musikladens eine Hammond B-3-Orgel schenkte…

… Der neue Blue-Note-Chef Don Was holte ihn schließlich 2016 zurück. Smith schien besser denn je. Welche Wirkung sein vulkanisches Spiel hat, kann man auf seiner letzten Platte „Breathe“ hören. Nicht nur auf den Live-Stücken. Iggy Pop lebte nicht weit von Smith in Florida und besuchte einen seiner Gigs in der Arts Garage in Delray Beach. Pop war begeistert, wollte einsteigen. Smith ließ ihn ein bisschen elektrische Percussion spielen. Dann trafen sie sich im Studio wieder und nahmen zwei Hippie-Gassenhauer auf: „Sunshine Superman“ und „Can’t We Live Together“. Da hört man ganz am Ende, wenn Smith und Pop das Lodern bis zum Siedepunkt gebracht haben, wie der Rockstar ein sehr spontanes, ergriffenes „Yeaaaah, nice“ haucht.

Dr. Lonnie Smith starb zu Hause in Fort Lauderdale an den Folgen einer Lungenkrankheit. Er wurde 79 Jahre alt.



© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 29.9.2021

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