Wenn dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Stolz auf die Bildungsanstrengung fehlt, zerstört das Kulturradio sich selbst: Navid Kermani erhebt auf WDR…
Der litauische Komponist Bronius Kutavičius war für sein Land eine Symbolfigur kultureller Selbstbehauptung. Er hatte sich mit den Riten und der Folklore heidnischer baltischer Stämme befasst und daraus avantgardistische Musik geschöpft. Jetzt ist er mit 89 Jahren gestorben.
Aus der geistigen Welt Litauens war der Komponist Bronius Kutavičius über Jahrzehnte hinweg nicht wegzudenken. Er wirkte in ihr, so erzählen es Beobachter, wie ein sanfter Riese. Kutavičius genoss breiteste Verehrung in seinem Land, was sowohl künstlerische als auch politische Gründe hatte. Politisch, so formulierte es sein Landsmann, der Cellist David Geringas, einmal, war Kutavičius eine absolut integre Figur, die sich der sowjetischen Besatzung des Landes geistig niemals gebeugt und keinerlei Konzessionen an irgendwelche Moskauer Direktiven gemacht habe, obwohl er schon seit 1974 dem Exekutivrat des sowjetlitauischen Komponistenverbands angehört hatte.
Künstlerisch wurde er zu einer Integrationsfigur, die Begeisterung in ganz unterschiedlichen Schichten hervorrief, weil er weder als Nationalist noch als Modernist radikale Positionen vertrat, sondern beides ungewöhnlich kreativ verschmolz.
© FAZ, Feuilleton, 30.9.2021
