Die Pioniere des Krautrocks tuckern noch immer vor sich hin. Von Louis Pattison.

Auch wenn es damals kaum jemand bemerkte, war 1972 ein Jahr der Renaissance für die deutsche Musik. Can’s Ege Bamyasi, aufgenommen in einem umgebauten Kino vor den Toren Kölns, erforschte einen geschmeidigen Trance-Rock, geleitet von Damo Suzuki in der Rolle des Sänger-Schamanen.

In einem Bauernhaus in Wümme zogen sich die Mitglieder von Faust aus, bekifften sich und setzten den surreal-pastoralen Prog ihres zweiten Albums Faust So Far zusammen, um ihn an ihr zunehmend verwirrtes britisches Label Virgin zu schicken. Das Debütalbum Neu!, das in Hamburg mit dem visionären Produzenten Conny Plank aufgenommen wurde, präsentierte schnörkellosen, minimalistischen Instrumentalrock, bei dem der motorische Beat von Schlagzeuger Klaus Dinger für den pulsierenden Antrieb sorgte. In Berlin tat sich Edgar Froese, der Gründer von Tangerine Dream, mit Florian Fricke von Popol Vuh zusammen und schuf mit einem hochmodernen modularen Moog-Synthesizer „Zeit“, einen kosmischen Drone, der die Natur der Zeit selbst erforschte.

Doch 50 Jahre später fühlen sie sich wie eine Bewegung an, und die Musik, die sie machten, wirkt zeitlos und modern. Erstaunlich ist, dass viele der Personen, die an der Entstehung dessen beteiligt waren, was heute als Krautrock bekannt ist, immer noch aktiv sind – und in einigen Fällen Musik machen, die genauso fantasievoll und innovativ ist wie die, die sie in ihrer Blütezeit in den 1970er Jahren gemacht haben. Die Kreativität lässt mit dem Alter nicht nach“, sagt Werner ‚Zappi‘ Diermaier von Faust, die gerade ein neues Album, Daumenbruch, veröffentlicht haben. (Das Cover, eine schwarz-weiße Röntgenaufnahme einer Hand, die den Vogel umdreht, ist eine deutlich respektlose Anspielung auf das Cover von Fausts Debütalbum von 1971). Faust waren eine der anarchischeren Gruppen der ursprünglichen Krautrock-Welle, ein echtes Kollektivunternehmen. Nach ihrem anfänglichen Split agierten sie als (mindestens) zwei parallele Gruppen – eine unter der Leitung von Zappi und eine andere unter der Leitung von Hans Joachim Irmler, während Jean-Herve Peron, um die Dinge weiter zu verwirren, kürzlich mit einem neuen Ensemble auf Tournee zum Album Faust IV ging. Wie Zappi es ausdrückt: „Keiner will den Namen anderen überlassen“.





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