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Essay: Die Arbeit der Anderen – Von der Geschichte des Nichtstuns

Die Historikerin Yvonne Robel im Gespräch mit Thorsten Jantschek. In der Arbeitsgesellschaft ist Anerkennung klar an Erwerbstätigkeit gekoppelt. Erfährt das Nichtstun eine Aufwertung, wenn die Arbeit ausgeht? Ein Blick in die Geschichte der Arbeitsverweigerer und Müßiggänger mit der Historikerin Yvonne Robel.

In der Arbeitsgesellschaft ist Anerkennung klar an Erwerbstätigkeit gekoppelt. Und was, wenn der Gesellschaft die Arbeit ausgeht? Erfährt dann das Nichtstun eine Aufwertung? Es lohnt ein Blick in die Geschichte der Arbeitsverweigerer und Müßiggänger.
Man muss nur die Werbung für Fernreisen anschauen um zu erfahren, wie Menschen sich ein gutes und gelingendes Leben im Gegensatz zur Erwerbsarbeit vorstellen. Im Nichtstun wird unser Verhältnis zur Zeit und zur Arbeit deutlich. Aber Nichtstun ist mehr als eine temporäre Auszeit, sie kann als Ideal betrachtet werden, als Inbegriff einer Lebensform, in der unter dem Slogan „Recht auf Faulheit“ Utopien vom Zusammenleben oder der Einstellungen zu Wohlstand und Konsum ausgelotet werden.
Es sind die Gammler, die in den Fußgängerzonen lagernden Punks der 80er- und 90er-Jahre, die „glücklichen“ Arbeitslosen, die einer Gesellschaft in der Burn-out-Spirale den Spiegel vorhalten, sie zur politischen und ökonomischen Selbstbestimmung anregen, aber zugleich auch Dynamiken des sozialen Ausschlusses in Gang setzen. Nichtstun bedeutet jedenfalls niemals, nur nichts zu tun.
Yvonne Robel, geboren 1977, ist Historikerin an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Dort untersucht sie die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts sowie die Geschichte der Nicht-Arbeit und Freizeit in der Bundesrepublik Deutschland. Sie studierte Ethnologie, Kulturwissenschaften und Ost-/ Südosteuropawissenschaften in Leipzig und Halle und beschäftigte sich mit vergleichender Genozidforschung und Antiziganismus. 2013 erschien ihr Buch „Verhandlungssache Genozid. Zur Dynamik geschichtspolitischer Deutungskämpfe“ und die Studie „Viel Lärm um nichts – Eine Wahrnehmungsgeschichte des Nichtstuns in der Bundesrepublik“ ist im Erscheinen.



© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 1.5.2024

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