Essay: „Die Landneurotikerin“ Bekenntnisse aus der Provinz
Von Solmaz Khorsand. Was passiert, wenn eine bekennende, ja fanatische Stadtbewohnerin einen Selbstversuch in der österreichischen Provinz unternimmt? Jedenfalls kein Kapitel aus den vielen „Wie ich mein wahres Leben auf dem Land fand“-Chroniken!
Wiesen, Wälder und Seen, kleine beschauliche Orte mit traditionellen Leben sind ihr ein Graus. Sie ahnt erdrückende Nähe und düstere Geheimnisse. Und das findet die Autorin Solmaz Khorsand auch bei einem Stipendium in der österreichischen Steiermark. Zugleich entdeckt sie das Leben dort durch teilnehmende Beobachtung.
Die städtische Mobilitätsgewohnheit erodiert an der mangelnden Motorisierung und einem nur stündlich verkehrenden Nahverkehrszug, die städtische Fremdheitserfahrungen der stets anderen Menschen wird zur Begegnung mit den Immergleichen und die Hektik urbaner Umtriebigkeit wird zwangsentschleunigt.
Die Gräben, sagen uns derzeit soziologische und politikwissenschaftliche Untersuchungen, zwischen Stadt und Land werden größer. Aber größer als in dieser Autorin können sie eigentlich nicht sein. Was geschieht aber in einer, in dieser, ernst gemeinten Bemühung des Verstehens der anderen Seite des Grabens?
Solmaz Khorsand ist Journalistin, Buchautorin und Podcasterin. Sie hat u.a. gearbeitet für die Zeitung Zeit, für derstandard.at, die Wiener Zeitung und das Magazin Republik. 2021 erschien ihr Buch „Pathos“, 2024 ihr aktuelles Buch „untertan. Von braven und rebellischen Lemmingen“. Zudem nahm sie am Artist in Residence-Programm der Kulturhauptstadt Salzkammergut teil.
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 12.1.2025