Essay: „Engagierte Literatur“ Mit der Schreibmaschine die Welt retten

Seit Émile Zolas „J’accuse“ erhoben immer wieder Autoren ihre Stimme für Gerechtigkeit. Miriam Zeh skizziert den Wandel engagierten Schreibens von Zola über Brecht, Grass und Seghers bis Anke Stelling und Olivia Wenzel.

Bei Bertolt Brecht, Anna Seghers oder Günter Grass war das Verhältnis von Literatur und Politik noch vergleichsweise übersichtlich. Seit Émile Zolas berühmtem „J’accuse“ meldeten sich politisch und literarisch engagierte Intellektuelle in Texten und öffentlichen Statements zu Wort. Sie klagten an und wollten die Welt zu einem besseren Ort machen. Autonomie erschien den großen engagierten Nachkriegsautoren als überholtes Luxusgut.
Heute mag die weltfremde, verträumte Fiktion auf den ersten Blick in einer ähnlichen Krise stecken. In den letzten Jahren erzählten zahlreiche deutschsprachige Romane aus der Lebenswirklichkeit von Diskriminierten, Marginalisierten und Randgruppen. Ihre gesellschaftspolitische Relevanz wird der Gegenwartsliteratur vielerorts bestätigt. Doch ist bei den neuen politischen Schreibweisen nicht zuvorderst entscheidend, was erzählt wird, sondern: wer spricht. Das bringt zwar nicht die Autonomie zurück, eröffnet aber neue Möglichkeiten zur ästhetischen Erfahrung – und macht damit mitunter sogar die Welt ein kleines Stück besser.
Miriam Zeh ist Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin und arbeitet in der Buchredaktion des Deutschlandfunks.



© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 8.10.2023

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