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Essay: „Kleine, alarmierte Geschichte des Feuilletons“

Von Hans von Trotha. Das Feuilleton in der Zeitung ist wie das Gewürzregal im Supermarkt. Man braucht es selten wirklich, aber wenn es nicht da ist, fehlt Entscheidendes. Ob gedruckt, digital oder im Radio, es ist und bleibt eine kapriziöse Anleitung zum Selberdenken.

Ob Deutschland sich als gespalten darstelle, so Bundeskanzler Scholz in einer Regierungserklärung, sei „keine Frage für irgendein Feuilleton“. Offenbar assoziieren seine Redenschreiber den Begriff mit wenig relevanten schöngeistigen Kommentaren. Entstanden in den ersten hochauflagigen Journalen nach 1800, war das Feuilleton nicht nur publikationstechnisch, sondern auch gedanklich ein von den politischen Berichten getrennter Raum, zeitweise Schauplatz fundamentaler Debatten – in der Weimarer Republik zum Beispiel oder in der jungen Bundesrepublik. 
Verschwindet da zusammen mit den gedruckten Feuilletons schleichend eine Form der Analyse diesseits der Wissenschaft und jenseits der Meldungen? Was ginge damit verloren? Zumindest der Wille und die Fähigkeit, Dinge komplexer zu sehen, als sie zunächst erscheinen – und damit das vielleicht wichtigste und womöglich effektivste Mittel, Populismus welcher Art auch immer zu begegnen. Eine Geschichte des Feuilletons als Plädoyer für dessen Zukunft.


Hans von Trotha hat mit einer Arbeit über die Wechselbeziehungen zwischen Literatur, Philosophie und Gartenkunst im 18. Jahrhundert promoviert. Zehn Jahre hat er einen Verlag geleitet, zehn Jahre die Berlinale beraten. Heute lebt er als freier Publizist in Berlin und ist Autor zahlreicher Bücher, darunter „Im Garten der Romantik“ (Berenberg) und zuletzt der Roman „Pollaks Arm“ (Wagenbach) sowie die Essays „Die große Illusion“ (über den Neubau des Berliner Schlosses, Berenberg) und „Der französische Garten rund um Paris“ (Wagenbach).

© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 16.2.2025

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