Essay: Politik der Bescheidenheit oder Können wir den Liberalismus lieben lernen?
Von Leander Steinkopf (DLF). Wer behauptet nicht von sich, liberal zu sein? Trotzdem vegetiert die Partei, die den Liberalismus für sich reklamiert, vor den Toren der Parlamente dahin. Die Freien Demokraten erleben nicht nur Desinteresse, sondern brüske Ablehnung.
Es lohnt sich, das Paradoxon genauer zu betrachten: die Liebe zum Liberalismus bei gleichzeitiger Ablehnung der Liberalen. Die verbreitete Aversion gegenüber der FDP liegt vermutlich in der Art begründet, wie Liberalismus in Deutschland erklärt und verkörpert wird. Beim Stichwort Liberalismus denkt man an röhrende Sportwagen, blinkende Luxusuhren, Steuerentlastungen für niedergelassene Zahnärzte und die Lichthupe auf der linken Spur.
Dabei ließe sich Liberalismus so interpretieren, dass er deutsche Empfindlichkeiten nicht reizt – als Politik der Bescheidenheit, die Demut vor jedem einzelnen Menschen zeigt, die Grenzen des eigenen Wissens anerkennt und die Erfolgreichen zur Dankbarkeit ermahnt.Bescheidenheit wäre freilich nicht nur eine Tugend für Liberale, sondern für alle Parteien und Politiker, die in einer zunehmend komplexen Welt kluge Politik gestalten wollen.
Leander Steinkopf schreibt Essays, Erzählungen und politische Reden. Er ist promovierter Psychologe sowie Autor und Herausgeber mehrerer Bücher. Kürzere Texte erscheinen in „Merkur“, „Sinn und Form“ und in den Feuilletons großer Tageszeitungen. Nach Stationen in Mannheim, Berlin, Sarajevo und Plovdiv lebt er mit seiner Familie in München. Zuletzt erschien sein Sachbuch „Der Reiz des Verbotenen: Über die Freiheit jenseits des Erlaubten“ im zu Klampen Verlag.
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 30.11.2025