Filmtipp: „The Outrun oder auf diesen Klippen begegnest du dir selbst“
Von Andreas Kilb (FAZ). Ein Glanzstück filmischen Erzählens: Die Regisseurin Nora Fingscheidt und die Schauspielerin Saoirse Ronan erzählen in „The Outrun“ von Süchten und Kindheitswunden – und davon, wie man sie überwindet.
Sie hat ihren Rucksack gepackt und sich verabschiedet, sie steht auf der Fähre, die sie nach England zurückbringen wird, sie blickt auf den Hafen, die Häuser, die Küste der Insel – da kehrt sie um. Sie hastet zurück durch die Gänge, die Decks, dann legt die Fähre ab, und sie steht am Ufer, allein, vor der Kulisse des Ozeans, und dort, wohin das Schiff fährt, ist ihr Leben, die Großstadt, das Glück. Aber sie erreicht es nicht.
Dies ist die Geschichte einer Frau, die in ihre Kindheitswelt zurückkehrt, weil sie als Erwachsene den Boden unter den Füßen verloren hat. Sie heißt Rona, aber ihr eigentlicher Name ist Amy Liptrot, denn bevor „The Outrun“ ein Film wurde, war es ein Buch, in dem Liptrot schilderte, wie sie sich auf den Orkney-Inseln, wo sie aufgewachsen war, vom Alkohol befreite, der bis dahin ihr Leben zerstört hatte, und von den Gespenstern ihrer Kindheit. Ein Erfahrungsbericht. Und die Chronik eines Entzugs. Das klingt nach Bitterkeit und Qualen, nach Selbstfindung und Liebesverlust, und all das sieht man auch in „The Outrun“; aber es ist dennoch kein Leidensfilm geworden. Was vor allem an den beiden Frauen liegt, die die Geschichte von Amy alias Rona jetzt im Kino erzählen, vor und hinter der Kamera. © Texte: Andreas Kilb.
© FAZ, Feuilleton, 4.12.2024