Filmtipp: Tori & Lokita
Für diesen sehr wichtigen und sehenswerten Film habe ich ein paar Kritiken der TAZ, Frankfurter Rundschau und FAZ zusammengetragen. Und alle sagen: hingehen und anschauen!
Brüderchen und Schwesterchen
In ihrem Film „Tori & Lokita“ erzählen Jean-Pierre und Luc Dardenne von sehr jungen Geflüchteten. Deren Geschichte entfaltet eine unerwartete Energie. Von Carolin Weidner.
Am Beginn des Liedes „Alla fiera dell’est“ von Angelo Branduardi steht eine kleine Maus, die ein Vater für wenig Geld auf einem Markt ersteht. Sie löst eine Kettenreaktion aus, die weit größere Tiere involviert: zunächst eine Katze, dann einen Hund, letztlich sogar einen Stier. Sie alle lassen Zeile um Zeile ihr Leben. Doch immer wieder setzt die länger werdende Erzählung bei der kleinen Maus neu an. Tori (Pablo Schils) und Lokita (Joely Mbundu) geben das Stück in einer belgischen Pizzeria zum Besten, verdienen sich mit dem Auftritt ein paar Euro dazu.
© TAZ, Kultur, 24.10.2023
Geschwister wurden wir unterwegs
Ein Kino der Humanität, das ist das Projekt der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Ihr neuer Film „Tori und Lokita“ erzählt von zwei minderjährigen Flüchtlingen in Belgien. Von Andreas Kilb.
Wir sind in Belgien, irgendwo in den deindustrialisierten Stadtlandschaften rings um Lüttich, in denen Jean-Pierre und Luc Dardenne seit dreißig Jahren fast alle ihre Filme gedreht haben. Dabei reicht der Blick ihrer Kamera selten über das Nächstliegende, für die Geschichte unmittelbar Wichtige hinaus. In „Tori und Lokita“ aber ist er noch beengter als sonst. Es gibt keine Sehenswürdigkeiten, keine visuellen Anhaltspunkte, keine Straßenschilder im Bild. Der Film könnte überall im belgischen Industrierevier spielen, und auch die Geschichte, angefangen mit der Befragung, bei der die Gesichter des Behördenpersonals unsichtbar bleiben, ist modellhaft, typisiert, ein Schicksal unter vielen. Nur die Figuren sind individuell: auf ihnen ruht, aus ihnen spricht der Film.
© FAZ, Feuilleton, 26.10.2023
Der Film „Tori & Lokita“ der Dardenne-Brüder:
Gemeinsamkeit als ultimative Zuflucht. Das Migrationsdrama „Tori & Lokita“ ist einer der bewegendsten Filme der Dardenne-Brüder. Von Daniel Kothenschulte.
Auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise im Jahr 2015 gehörten Berichte über Einzelschicksale von Migranten zum regelmäßigen Bestandteil der Nachrichtensendungen von ARD und ZDF; ähnlich war es später zu Beginn des Ukrainekriegs. Heute sind solch einfühlsame Geschichten weitgehend aus den Programmen verschwunden. Sie scheinen nicht mehr in eine Zeit zu passen, in der zum ersten Mal ein Bundeskanzler mit der Forderung auftritt: „Wir müssen endlich im großen Stil abschieben“.
© Frankfurter Rundschau, Kultur, 26.10.2023