„Frankfurter Jazzkeller“ Europas berühmtestes Jazzlokal
Die Größten des Jazz haben hier gespielt, von Louis Armstrong bis zu Heinz Sauer. Auch Albert Mangelsdorffs Weg ist ohne den Frankfurter Jazzkeller nicht zu denken. Nach siebzig Jahren steht die Musik dort weiter in voller Blüte. Von Wolfgang Sandner.
1960: Hartwig Bartz, den kantigen Schädel kurz geschoren, den Henriquatre-Bart in scharfe Form gebracht, geht von der Bühne. Die jungen Fans, die an der Mittelsäule des Gewölbekellers lehnen und sich den Hals verrenken, weil sie den Jazz erst richtig hören, wenn sie ihn auch sehen können, machen ehrfürchtig Platz für den Schlagzeuger und die Mitglieder des Quintetts auf ihrem kurzen Weg zur langen Bar. Im schmalen Gang mit Nischen hinten rechts, wohin der Blick kaum einmal reicht, taucht die Band mitsamt Gefolge unter. Im Keller ist jetzt jedem klar: Was dort geschieht, geht dich nichts an.
Eine Ewigkeit verstreicht. Dann kommen sie zum neuen Set, der Drummer Bartz mit Peter Trunk, dem Genie am Kontrabass, vereint im austernhaften Schweigen. Bent Jædig, der Däne im Frankfurter Jazzexil, mit Saxophon und Flöte, folgt Günter Kronberg, der schwer an seinem Bariton zu tragen hat. Zuletzt, ein wenig schüchtern fast, erscheint der Mann mit der goldenen Posaune: vertraut mit den Geheimnissen des Hardbop allesamt. Sie spielen jetzt mit solchem Drive, dass Albert Mangelsdorff – auf der Posaune wirklich sprachbegabt, sonst wahrlich kein Wortschöpfer vor dem Herrn – einen schrägen Superlativ für die Explosion des Jazz erfindet: wahnsinnigst. Genau so fühlen es die vielen Hörer. In diesen Tagen, Anfang der Sechziger, entsteht hier, was sich zuvor fast ein Jahrzehnt schon angekündigt hat und lange Zeit danach den Jazz im Land bestimmen wird: der Frankfurt Sound, ein Stil, ein Ausdruck, ein Begriff. Sein Ruf dringt weit bis in die Vereinigten Staaten vor.
© FAZ, Feuilleton, 12.1.2023