Für Sean Connery: „Der Tag, an dem die Stimme brach“ Die Filmkolumne. Von André Malberg
Sean Connery besaß eine ganz eigene Form der Authentizität. Seine Ambivalenzen waren die seiner Charaktere – nicht zuletzt äußerten sie sich in der immergleichen, unverstellten schottischen Varietät des Englischen. Am Samstag ist Connery gestorben. Ein Nachruf.
Ich erinnere mich noch sehr genau an jenen Tag, an dem ich die Stimme zum ersten Mal bewusst wahrnahm. Als Kind war mir Sean Connery der James Bond meiner Eltern gewesen, ein elegant gekleideter Agent und Casanova mit einer zu Beginn nicht weniger elegant-mitleidslosen Einstellung zur die berühmte Doppelnull spendierenden Lizenz zum Töten. Der Schauspieler, den ich hinter diesem frühen Bild erkannte, als ich wesentlich später – nun bereits adoleszent – in John Milius‘ „The Wind and the Lion“ (1974) erstmals seiner unverkennbaren Stimme ganz Ohr sein konnte, war allerdings ein anderer Mann – und mochte er auch noch so sehr, wie kein zweiter des 20. Jahrhunderts vielleicht, mit seiner berühmtesten Rolle verschmolzen sein.
Der Raisuli aus „The Wind and the Lion“ war nicht nur die gerade heute besonders aufrichtig und offen wirkende westliche Imagination eines muslimischen Gläubigen, sondern auch ein zarter, in aller Verspieltheit nie ganz alberner Scherzbold, einer von denen, die auf die Frage nach der eigenhändig herausgeschnittenen Zunge eines anderen Mannes knapp antworten: „Perhaps the previous owner had nothing pleasant to say.“ Im feinsten Bellen des schottischen Zungenschlages noch dazu. Sean Connery ließ sich nicht so leicht von seinen Charakteren separieren, wie man das heute gerne handhabt, um auf Authentizität verweisen zu können, ohne das Wort überdeutlich aussprechen zu müssen. Er besaß eine andere Form der Authentizität. Seine Ambivalenzen waren die seiner Charaktere – nicht zuletzt äußerten sie sich in der immergleichen, unverstellten schottischen Varietät des Englischen. Eleganter Sexappeal und der derbe Griff der ehemaligen Arbeiterhände; donnernde Laute und die eingeschüchterte Befremdung hinter ihnen; die Weltgewandtheit eines Mannes, der in der in der sich rasch technokratisierenden Welt der Männerfilmer McTiernan, Mulcahy oder Milius gleichzeitig wie ein Relikt wirkt.