„Gesucht, gehütet und verraten“ Eine Lange Nacht über das Geheimnis von Sven Rücker

Es ist anziehend und zugleich bedrohlich, Bindemittel von Gesellschaft und Nährboden für Gewalt, gehört zum Erhabenen ebenso wie zum Schmutzigen: das Geheimnis. Wie lässt sich fassen, was doch seinem Wesen nach unerkannt bleiben muss?

Wer dem Geheimnis auf die Spur kommen will, muss damit rechnen, sich selbst zu verlieren. Was wir suchen, kann beginnen, uns heimzusuchen. Und selbst wenn wir das Geheimnis finden, können wir es vielleicht nicht zur Sprache bringen. Wie die Tiefseefische, die in dem Augenblick, indem man sie an die Oberfläche holt, zerplatzen, muss das Geheimnis vielleicht in der Tiefe bleiben und darf nicht zu Tage treten. Denn in dem Augenblick, in dem ich über das Geheimnis spreche, zerstöre ich es. Es ist dann ja kein Geheimnis mehr.

Ist es also ein Widerspruch, vom Geheimnis sprechen zu wollen? Vielleicht – diese Lange Nacht versucht es dennoch. Aber ihr geht es dabei nicht um das Lüften von Geheimnissen, sondern darum, was sie mit uns machen. Wie sie uns anziehen und ängstigen; wie Geheimnisse uns aneinander binden und entzweien können; wie das Streben nach ihrer Auflösung uns in den Wahnsinn treiben kann und wir doch vom Geheimnisvollen nicht lassen können.


Sie waren dem Geheimnis sehr nahegekommen. Sie hatten es eingekreist. Es verbarg sich, gewiß. Aber es verriet sich zugleich. Gustav wollte nichts mehr unversucht lassen, um endlich den Kern zu fassen. (…) Mit ihren Händen hatten sie schon den Balken gelöst und auf ihre Schultern gelegt. Dumpf dröhnend fuhr der Kopf des Balkens zum erstenmal gegen das entblößte Erz. (…) Der Balken pendelte schnell hin und her. Gustavs Augen glommen auf. Neben dem Gedröhn plötzlich ein klingender Scherbenlaut, wie wenn ein Spiegel zerbricht. In der gleichen Sekunde stürzte … hinter der aufgeschlitzten Holzwand Wasser hervor. „Salzwasser“ sagte Gustav tonlos.

Aus der Novelle „Das Holzschiff“ von Hans Henny Jahnn




© Deutschlandfunk, Lange Nacht, 3.9.2022

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