„Ineinander fallende Fantasiegebilde“ Die Katalanische Sängerin Marina Herlop

In ihrem dritten Album „Pripyat“ wagt sich die katalanische Musikerin Marina Herlop auch in die ihr bislang fremde Klangwelt der Musik-Software. Von Stephanie Grimm.

„Break out“ singt Marina Herlop in „Lyssof“; der zunächst sanfte Wellen schlagende, dann zunehmend soghafte Track findet sich auf dem dritten Album der spanischen Künstlerin – „Pripyat“. Mach’ dich frei, wirf alle Fesseln ab – sonst ein abgelutschter Topos der Popmusik. Doch bei der Sängerin aus Barcelona klingt die Aufforderung nicht nach hohler Phrase, sondern wie die Einladung zu einer Entdeckungsreise. Eine, die für die 30-Jährige ebenso Offenbarungen bereithielt, wie die dabei entstandene Musik für die Hörer:in.

Was „Pripyat“ – der Name ist entliehen von der bis heute intakten, weitgehend verlassenen ukrainischen Stadt in der Nachbarschaft der Reaktorruine von Tschernobyl – bemerkenswert macht: Alle Tracks operieren in einem eng gesteckten Rahmen; jeder Song dreht sich um den Klang von Herlops klarer, heller Stimme und doch wirkt jeder für sich ganz unterschiedlich.



Das beim Berliner Avantgarde-Elektroniklabel PAN erschienene Album präsentiert sich zunächst etwas spröde, seine Resonanzräume offenbart „Pripyat“ erst peu à peu. Unmittelbarer wirkt es, Herlop live mit fünfköpfiger Band zu erleben – darunter zwei Sängerinnen, mit denen sie den komplexen Harmoniegesang im Konzertkontext umsetzt. Mit ihnen hatte sie unlängst einen umjubelten Auftritt beim Berliner CTM-Festival. Sollte jemand die Gelegenheit haben, Herlop live zu erleben: unbedingt hingehen. Sie hat eine phänomenale Bühnenpräsenz.



© TAZ, Kultur, Musik, 10.6.2022

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