Jazzkolumne: „Titan aus Texas“ Musik von James Francies, Chris Potter, Pat Metheny mit Andrian Kreye
Hin und wieder tauchen junge Musiker auf, mit denen die Älteren unbedingt spielen wollen, weil deren Energie und Ideen ihre eigene Musik noch einmal vollkommen verändern. Der Pianist und Keyboarder James Francies ist so einer.
25 Jahre alt, in Houston aufgewachsen und schon vom Auftritt so, wie man sich einen Titan aus Texas vorstellt. Breites Kreuz, kantiges Gesicht, die Armmuskeln mit Tätowierungen übersät. So wuchtig ist auch sein Spiel, mit dem er schon auf dem Flügel und erst recht auf den Keyboards großformatige Klänge erzeugen kann, die an cineastische Panorama-Schwenks erinnern. Und die jeden Mitmusiker mitziehen in diese Weite.
Es wirkt fast, als hätte Francies eine etwas andere Wahrnehmung seines Instruments als die meisten anderen. Linke und rechte Hand sind zwar auch bei ihm Harmoniegeber und Solist, aber sie scheinen an einem gemeinsamen großen Projekt zu arbeiten. Auf seinem neuen, zweiten Soloalbum „Purest Form“ (Blue Note) hört man das beispielsweise in Nummern wie „Levitate“ oder „713“ sehr gut. Streng genommen sind das Klaviertrio-Stücke. Der Flügel wird nur leicht von Keyboardklängen unterstützt. Die rechte Hand spielt die Linien und Motive in einem solch wellenförmigen Fluss, dass sie fast wie im Puzzlespiel in die Harmonien greifen. Und weil Jeremy Duttons Schlagzeug diesen Fluss immer wieder mit „broken beats“ aufbricht, mit jenen kantigen, überdrehten Rhythmen aus dem britischen Clubgenre, die seit einiger Zeit im Jazz eine neue Rhythmusdimension öffnen, kann das Stück hinten raus auch so selbstverständlich in ein Synthesizer-Fusion-Solo übergehen oder die Rhythmik immer wieder neu sortieren.
© Süddeutsche Zeitung, Kultur, Jazzkolumne, 9.8.2021