Die Aufnahmen dieses Konzerts im legendären Club The Lighthouse im kalifornischen Hermosa Beach begannen am 10. Juli 1970, dem 32. Geburtstag des…
Er hätte das Zeug dazu gehabt, den Jazz weiter zu entgrenzen: Von Lee Morgan sind die legendären Konzerte „Live at the Lighthouse“ erstmals komplett erhältlich. Von Ronald Pohl.
Es läutete den Neubeginn einer letztlich nicht zu Ende erzählten Jazzgeschichte ein: Lee Morgan, der Trompeter mit dem schneidend scharfen Spitzenton, betrat 1968 blendend aussehend den Proberaum des Hardbop-Pianisten Horace Silver. Er ging wie eine Geistererscheinung geradewegs auf dessen Saxofonisten Bennie Maupin zu und fragte ihn: „Willst du bei mir mitspielen? Ich habe ein paar Auftritte!“ – Maupin, verblüfft: „Klar!“ Morgan glich zu diesem Zeitpunkt einem von den Toten Auferstandenen. An seine mehrjährige Heroinsucht erinnerten lediglich Verletzungen im Mundraum, die er mit unermüdlichem Übungsfleiß auszugleichen trachtete.
Vor ein paar Saisonen hatte das Wunderkind aus Philadelphia mit Sidewinder im Radio tüchtig Airplay erhalten: Jazz war damals (noch) Tanzmusik. Morgan besaß Soul und war groovy, er phrasierte „geistreich“, wie Verehrer meinten. Er hatte 1961 bei Art Blakeys Jazz Messengers gelernt, durchdringend zu intonieren. Blakey, der grinsende Förderer ganzer Kohorten von Jungtalenten, schlug hinter ihm ohrenbetäubende Wirbel auf den Tomtoms. An Morgans Seite legte bereits ein gewisser Wayne Shorter Zeugnisse seines Kompositionstalents ab.
© Der Standard, Kultur, 19.10.2021
