Meine Erinnerungen an Lars Gustafsson „Der Pessimist, der ein Optimist war“
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Er war ein Freigeist, dessen Sprache im deutschen Theorietheater der späten sechziger Jahre sofort auffiel. Der Hanser-Verleger Michael Krüger erzählt, wie er Lars Gustafsson ins Herz schloss und nie mehr losliess.
In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts habe ich Lars Gustafsson einmal in Västeras besucht. Als ich am Nachmittag am Bahnhof eintraf, war es bereits stockdunkel. Kein Taxi, kein Bus, aber vor allem kein Bahnhofsvorsteher, den ich hätte fragen können, wie und wo man den Dichter finden könne. Es gab damals noch kein Handtelefon, und die Festnetznummer hatte ich nicht dabei.
Wer nach Schweden fährt, so meine etwas naive Vorstellung, ist in diesem sozialdemokratisch regierten Land gut aufgehoben und wird prinzipiell pünktlich abgeholt. Also setzte ich mich in den eiskalten Warteraum und tat, was man in Warteräumen tut: Ich wartete. Der Unterschied zu Stockholm fiel einem natürlich sofort ins Auge, ausserhalb der Hauptstadt, so mein von Vorurteilen geprägtes Fazit, war offenbar alles Provinz. Die kontinentale Bahnhofskultur jedenfalls mit Restaurant, Kiosk und Kaffeebar gab es hier nicht. Es gab nur Dunkelheit und Kälte.
Die Magie einer Flasche
Ich hatte im Duty-free eine Flasche Whisky gekauft, Johannes der Spaziergänger, wie Reinhard Lettau immer zu sagen pflegte, der mich zehn Jahre zuvor mit Lars Gustafsson bekanntgemacht hatte. Diese Flasche war in Schweden damals ein Vermögen wert, entsprechend sorgfältig schraubte ich sie auf, um einen ordentlichen Schluck gegen die Kälte zu nehmen. Das Geräusch beim Aufschrauben, Metall auf Glas, zusammen mit dem Geist des Alkohols, der sich ungehindert in der kahlen Halle ausbreiten konnte, hatte eine phänomenale Wirkung. Plötzlich gingen wie in einer venezianischen Komödie überall Türen auf, aus denen Menschen traten, die alle auf mich zuströmten, um sich an meiner Wärmequelle zu laben. Und als die Flasche im Handumdrehen leer war, kam auch Lars….
«Die Tragik des Menschen, wie die der Maschinen, liegt darin, dass er kein Geheimnis hat.»
© NZZ, 17.5.2016, Michael Krüger