Musiktipps

Musikfest Berlin 2021 Eröffnungskonzert Heiner Goebbels: „A House of Call“ (UA) Ensemble Modern Orchestra, Vimbayi Kaziboni, Leitung

Die innovative Kraft des Ensemble Modern Orchestra und die genreübergreifende Kompositionsweise von Heiner Goebbels treffen erneut aufeinander: Anlässlich des Beethoven-Jahres hat Heiner Goebbels ein neues Werk geschrieben, dessen Uraufführung beim Musikfest Berlin 2021 stattfindet.


Noch bis zum 10.9.2021 kann man das Eröffnungskonzert von Heiner Goebbels als HD Video anschauen.
Ich kann es Euch allen nur wärmstens für Eure Ohren empfehlen.
Auch für mich blieb nur dieser Mitschnitt und eigentlich wollte ich nur „reinhören“, aber dann hat mich diese Komposition von Heiner Goebbels gefangen genommen.
Ja, soll es klingen: gefangen, nicht ohne Grund sind alle Kritiker begeistert.
Seit Anfang der 80er Jahre begleitet mich das Werk von Heiner und dieses möchte ich zu seinen allerbesten zählen. Virtuos gespielt vom Ensemble Modern Orchestra. © radiohoerer


„Das sind häufig uralte und kratzige Aufnahmen traditioneller Musik, die von Band eingespielt werden, sich gern in Loops verfangen, vom Orchester konterkariert, übertönt und umschmeichelt werden.“
„Goebbels greift in seinen Überschreibungen Tonfärbung, Melismatik, Rhythmik, Intensität der Vorlagen auf, er denkt, träumt und komponiert sie weiter, kontaminiert sie mit jedem nur erdenklichen Klassikraffinement, mit Minimalmusikpatterns, Schlagwergkaskaden und Rätseln. Er verneigt sich gegen Ende kurz vor Karlheinz Stockhausens „Mantra“, er lässt Sentimentalitäten zu, outet sich als Gläubiger und Romantiker. Die akustischen Fundstücke sind in seiner Fantasie weitergewuchert und haben sich ausgewachsen zu selbstständigen Stücken, die einerseits nie ihre respektvoll umhegte Vorlage verleumden, sich andrerseits stimmig in die fünfzehnteilige Suite namens „A House of Call“ einfügen, Goebbels reifstes und vollständigstes Meisterwerk.“

Reinhard J. Brembeck / SZ

https://youtu.be/xNuYIq7MRQk
Ab 5 Euro kann man einen Festivalpass kaufen, um damit fast alle Konzerte digital anschauen zu können!

Heiner Goebbels (*1952)
A House of Call. My Imaginary Notebook (2020)

Heiner Goebbels und Diego Ramos Rodríguez Instrumentation

Kompositionsauftrag von Ensemble Modern, Berliner Festspiele / Musikfest Berlin, Kölner Philharmonie, beuys2021, Elbphilharmonie Hamburg, musica viva / Bayerischer Rundfunk, Wien Modern und Casa da Música Porto.

Uraufführung

„A House of Call. My Imaginary Notebook“ ist ein vierteiliger Zyklus mit Kompositionen, in denen das Ensemble Modern Orchestra auf Stimmen reagieren wird, die Heiner Goebbels in einem imaginären Notizbuch bewahrt hat; Stimmen, auf die er bei Projekten, Reisen, Begegnungen oder in Archiven – manchmal auch zufällig – gestoßen ist und die jetzt mit ihren eigenen Klängen und Sprachen wiederkehren und ‚den Ton angeben‘: Dialoge, Beschwörungen, Gebete, Anrufungen, Aufrufe, Sprechakte oder Lieder. Es sind unverwechselbare, ‚eigentümliche‘ Stimmen, die jetzt, meist zum ersten Mal, auf einer Konzertbühne zu Wort kommen. Die Musiker*innen des Orchesters antworten darauf, individuell oder kollektiv, wie der Chor in einem Responsorium: sie kommentieren, unterbrechen, unterstützen und widersprechen.

„a prolonged visit to a house of call“ – die Zeile findet sich bei James Joyce in „Finnegans Wake“, auf Seite 41, unweit des onomatopoetischen „roaratorio“, das dem Hörstück von John Cage den Namen geben sollte. Ein Hörstück, das mich nachhaltig geprägt hat, weil sich John Cage inmitten eines Stroms vieler Stimmen, Mesostichon für Mesostichon, durch die 628 Seiten des Romans liest – wie ein ‚gesungenes Schreiben der Sprache‘. So hat Roland Barthes die Rauheit (Körnung) der Stimme beschrieben, und diese Rauheit – le grain de la voix – macht das Gemeinsame der Stimmen aus, die sich in meinem imaginären Notizbuch eingefunden haben.
Heiner Goebbels 2020

In vielen der Arbeiten von Heiner Goebbels spielt die Anziehung abwesender, akusmatischer Stimmen eine wichtige Rolle; ob 1981 auf seiner ersten Single „Berlin Kudamm 12.4.81“ (1981), in der „Chaconne / Kantorloops“ aus „Surrogate Cities“ (1994), in der Performance „Stifters Dinge“ (2007), der Klanginstallation „Genko An“ (2008ff.) oder in seinen Hörstücken. In „A House of Call“ werden die Stimmen zum ersten Mal zu Protagonisten eines ganzen Konzerts. © Texte: Musikfest Berlin 2021


Besetzung
:

Ensemble Modern Orchestra
Vimbayi Kaziboni Leitung
Heiner Goebbels und Hendrik Borowski Lichtregie
Norbert Ommer Klangregie
Felix Dreher und Volker Bernhard Tontechnik

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