Omniversal Earkestra: Eine Reise zu den Helden der eigenen Plattensammlung
Im Jahr 2019 nahm das Berliner Omniversal Earkestra in Mali mit Legenden wie Salif Keïta deren alte Songs neu auf. Nun kann man sie hören. Ein musikalischer Reisebericht. Eine Reportage von Jonathan Fischer
Der Bahnhof von Bamako gleicht einem Geisterschloss. Hier fahren schon seit Jahren keine Züge mehr ab nach Dakar, die Uhr an dem imposanten Kolonialbau steht still, nur noch Tauben und Obdachlose nutzen den Wartesaal. Auch das angeschlossene „Buffet de la Gare“-Restaurant dämmert im ewigen Mittagsschlaf. Auf wen auch immer der alte Mann am Empfangstresen aus Mahagoni noch warten mag: Die Zeit dieses mythischen Ortes der malischen Popmusik ist lange vorbei.
Nur noch ein paar alte Schwarzweißbilder sind geblieben von den Partys im Garten des einst angesagtesten Hauptstadt-Clubs, damals in den späten Sechzigerjahren, als die Rail Band hier fünf Tage die Woche die Jugend der Stadt zum Tanzen brachte; als Musiker wie Salif Keïta in schicken Banduniformen uralte Folk-Chants, Afrobeat, Bigband-Bläser und kubanische Rhythmen zusammenkochten. Ihre Fusion atmete Soul. Sie spiegelte die Aufbruchstimmung eines ganzen Landes, das in den Jahren nach der Unabhängigkeit noch von einer großen Zukunft träumte. Malick Sidibés Fotografien haben die jungen Tänzerinnen mit den modischen Sonnenbrillen und ihre Begleiter in westlichen Mod-Anzügen verewigt.
Markus Schmidt, Filmemacher und künstlerischer Leiter des Projekts, hat den Le-Mali-70-Aufnahmen starke Bilder zur Seite gestellt: Da ziehen die Berliner auf den Fersen ihrer Helden radebrechend durch Märkte und Busbahnhöfe, landen unverhofft in staubigen Hinterhöfen und Clubs, sichten alte Filmrollen in den Archiven des malischen Rundfunks, spielen in Salif Keïtas Moffou Studios Badiala Male ein, der dessen erster Hit als 19-Jähriger mit der Rail Band war.
Oder müssen sich wegen eines vermeintlich falschen Rhythmus streiten. Ja, die Malier können auch bemerkenswert stur auftreten. Klar ist nur: Diese Musik vibriert in einem kollektiven Körper. Etwa, wenn auf einer mit Gepäck und Vieh überladenen Niger-Piroge nördlich von Mopti, Musiker und Passagiere spontan in eine Jamsession einfallen.
© Zeit Online, 9.12.2020 / Text und Videoauswahl