Nachhören

Popmythen: Einmal Jenseits und zurück

Nach hören …

Tod und Wiedergeburt, Geister und Avatare in der neuesten Popmusik
Von Jens Balzer

Plötzlich liefen überall Zombies herum, die Musik wurde immer langsamer und dunkler, in den Videoclips flackerten Bilder des Jenseits und der Metaphysik. Wo kamen all die Geister her, die vor ein paar Jahren plötzlich die Popmusik zu beherrschen begannen? Es waren Geister aus dem Internet, sie kamen aus dem digitalen Äther, ihre Musik wurde von Digital Natives gemacht. Gegen das rasende Tempo des Internet und gegen den Exhibitionismus in den sozialen Netzwerken setzte der avancierteste Pop eine Weile lang auf Entschleunigung, Verdunklung, Anonymität – bis eine neue Künstlergeneration aus den Grüften des Gothic-Pop kletterte und die Welt zurückzuerobern begann. Die Pop-Avantgarde der Gegenwart will nicht mehr aus der Welt fliehen, sondern will sich die Welt wieder aneignen – und vor allem: die technischen Mittel, mit denen die Welt heute beherrscht wird. Für sie ist Popmusik ein Medium der Selbsterschaffung, jenseits der Beschränkungen und Grenzen, die uns das Leben im Diesseits setzt. Heute dient darum nicht mehr der Zombie als Leitbild des Pop, sondern der Avatar, in dem man die eigene Identität spiegeln, aber auch neu erfinden kann. Nur manchmal, in stillen Momenten, melden die Geister sich auch in dieser schönen neuen Welt wieder zurück.

© Bayern 2, Nachtstudio, 17.5.2016