R.I.P. Frederic Rzewski „Radikal zärtlich“ von Christiane Peitz
Sein bekanntestes Werk ist ein furioser Variationszyklus, Igor Levit hat für das fast unspielbare Stück unermüdlich geworben. Ein Nachruf auf den US-Komponisten und Pianisten Frederic Rzewski.
Bach, Beethoven, Rzewski. Rzewski wer? Als der Pianist Igor Levit 2015 sein Album mit Variationszyklen herausbrachte, kombinierte er zwei der anspruchsvollsten Klassiker des Genres, Bachs Goldberg- und Beethovens Diabelli-Variationen, mit einem weiteren Monsterwerk, das hierzulande eher unbekannt war.
„The People United Will Never Be Defeated“ von Frederic Rzewski basiert auf dem chilenischen Revolutionslied „¡El pueblo unido, jamás será vencido!“ von Sergio Ortego und spinnt es in 36 Variationen fort. Eine Stunde lang, an der Grenze der Unspielbarkeit, eine Herausforderung für jeden Pianisten.
Rzewski vereint darin Protest und Avantgarde, Virtuosität und musikalischen Aufschrei, Märsche und Poesie. Er hebt an mit der schlichten, volksliedhaft tänzerischen Melodie und entfesselt die Töne, einschließlich Klavierdeckelschlägen und lauten Rufen des Pianisten. Ein Hymnus auf die Kraft der Gemeinschaft, auf ihre Anfeindungen, das Standhalten, die Vision einer besseren Welt. Das Visionäre dann eher geflüstert, hingetupft, als utopische Skizze – Rzewski war kein Illusionär.
© Der Tagesspiegel, Kultur, 28.6.2021