„Die Kunst des Kontrapunkts“Jeder einzelne Ton ist wichtig: Der linke Komponist und Pianist Frederic Rzewski ist gestorben Nachruf von Berthold Seliger
Den wichtigsten Satz soll man als erstes aufschreiben, also: Frederic Rzewski war einer der wichtigsten und politischsten Komponisten unserer Zeit.
Herausragend ist sein 1975 entstandenes Klavierwerk »The People United Will Never Be Defeated«: 36 Variationen über das chilenische Kampflied »El pueblo unido, jamás será vencido« (Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden) von Sergio Ortega, das zur Zeit der sozialistischen Allende-Regierung entstanden ist und nach dem Putsch von Pinochet 1973 zu einem Widerstandssong gegen dessen Militärregime wurde.
Frederic Rzweski war auch ein großer Lehrender, er wirkte unter anderem von 1977 bis zu seiner Emeritierung 2003 als Professor für Komposition am Konservatorium in Lüttich, war aber auch an Universitäten wie Yale, der University of California, der Hochschule der Künste Berlin, der Hochschule für Musik Karlsruhe oder in Den Haag tätig. Seine Schriften und Vorträge sind in dem unverzichtbaren Band »Unlogische Folgerungen« versammelt, das als »MusikTexte«-Band veröffentlicht wurde. Viele seiner Kompositionen sind bei der Online-Bibliothek ISMLP frei zugänglich, weil er es vorzog, die Idee des Urheberrechts zu umgehen. Frederic Rzewski starb am 26. Juni im italienischen Montiano im Alter von 83 Jahren an einem Herzinfarkt.
Eine Auswahl wichtiger Aufnahmen: Rzewski plays Rzewski, Piano Works, 1975-1999 (Nonesuch, 2002); 36 Variations on »The People United Will Never Be Defeated«: Hervorragende Einspielungen u. a. von Ursula Oppens (Vanguard Classics, 1993), Marc-André Hamelin (Hyperion, 1999), Kai Schumacher (Wergo, 2009), Igor Levit (Sony Classical, 2016); Scratch Symphony, Michael Gielen/SWR Sinfonieorchester (Col Legno, 1999) Songs of Insurrection, Thomas Kotcheff (Coviello, 2020)
©nd, Kultur, 28.6.2021