„Reisen als Erkenntnis“ Oder: wie ich mir im Anderen begegne
In der großen Erkenntniskrise des Menschen, wer er denn nun wirklich sei, hetzen wir durch das Leben und kommen nur noch an, ohne aufgebrochen zu sein. Und oft nicht einmal das: Wir sind immer unterwegs, kommen aber nie wirklich an. Wir haben zu reisen verlernt.
Von Christian Schüle
Reisen ist nicht Urlauben. Urlaub ist immer schon Angekommen-Sein, Reisen immer Auf-dem-Weg-Sein. Der Reisende durchfährt nicht nur fremdes oder abermals bereits bekanntes Terrain, er erfährt dabei sich selbst als ethisches Subjekt. In Zeiten des Verlusts von Verschiedenheit durch Vielfalt lehrt die Kenntnis ausländischer Sitten und Gepflogenheiten Haltung, Demut und die Wertschätzung des Anderen. Dem Faszinosum des Fremden kommt der Mensch ja nur durch die Poesie des Zufalls auf die Spur; die kostet kein Geld, fordert aber einen hohen Preis: Zeit und Hingabe.
„Wir haben deswegen zu Reisen verlernt, weil wir uns dem Unbekannten nicht mehr aussetzen. Wozu aussetzen? Es gibt heute keinen vernünftigen Grund mehr, sich etwas auszusetzen, dessen Ergebnis müßig, unlogisch, wertlos, in jedem Fall wenig überraschend sein könnte, da alles Überraschende einer im Vorhinein zielvereinbarten Kontrolle unterworfen wird.“
Christian Schüle
In seinem Radio-Essay plädiert Christian Schüle gerade in Zeiten umfassender Ausleuchtung aller Winkel der Erde für Aufbruch und Reisen als Erkenntnis-Medium, um im Unbekannten das Vertraute zu entdecken. In einer Ära der Bilder- und Wortfluten, da wir zwischen Wahrheit und Lüge nicht mehr klar zu unterscheiden wissen, ist das Reisen eines ganz gewiss: Welterfahrnis durch Selbsterfahrung.
© Bayern 2, Nachtstudio, 14.3.2017