Release Tipp: Kaja Draksler – In Otherness Oneself / Unsounds 73U

Ich war richtig froh über die neue Veröffentlichung von Kaja Draksler, denn diese Frau hat was zu sagen! Leider hörte ich in letzter Zeit selten so eine Leistung am Klavier und starke Stücke noch dazu.



„Als jemand, der verschiedene Sprachen spricht und versteht, habe ich den Eindruck, dass meine Identität vielschichtig ist, ich muss etwas von mir selbst verlieren, um den „Geist“ einer neuen Sprache in mich hineinzulassen. Auf diese Weise werde ich also ständig selbst zum Anderen“.

Kaja Draksler

Kaja Draksler Foto von Beata Szparagowska

Der Titel des Albums stammt aus einer Zeile des Gedichts „Aquoueh R-Oyo“ von Cecil Taylor, und Kajas Absichten für dieses Werk stimmen mit dem Gedicht überein: „sofort in Beziehung treten und eine Verbindung aufbauen“, „den dunklen Instinkt einfangen“, oder „spielen, was man hört“. Drakslers Verweis auf das afroamerikanische Erbe als europäische Künstlerin, die in der Tradition des experimentellen Jazz ausgebildet wurde, ist ein Zeugnis für die Komplexität ihrer „Sprachen“ und ihr Bewusstsein für ihre Position in dieser kulturellen Abstammung. In „In Otherness Oneself“ schafft Kaja Draksler Sprachen und lässt ihre Identitäten sprechen. © Unsounds


Pünktlich zum Erscheinen Ihres neuen Albums erschien auf 15 Questions ein Interview, aus dem ich hier zitieren möchte.

Für Ihre neue Veröffentlichung haben Sie sich vorgenommen, für jedes Stück eine eigene musikalische Sprache zu entwickeln. Haben Sie das Gefühl, dass die bestehenden musikalischen Sprachen in Bezug auf ihr Potenzial ausgeschöpft worden sind?

Soloklavier ist ein anspruchsvolles Format. Mehr als in jedem anderen Rahmen muss ich mich für eine klare Richtung und Logik entscheiden. Das hat zum Teil damit zu tun, dass ich auf mich allein gestellt bin, ohne externen Input, der meine Ideen bereichert. Bei In Otherness Oneself arbeitete ich mit einer kurzen und spezifischen Idee, einem Motiv, manchmal ein paar Takte, manchmal ein melodisches Motiv, einen Kontrapunkt oder eine Art Fragment, das den Kern des Stücks, die „Welt“, in der ich mich bewege, definieren würde. Ich würde dann innerhalb der Logik dieser Welt, in der Sprache dieser Welt, bauen.

Um die Sprache und die Logik zu definieren, würde ich verschiedene Möglichkeiten ausarbeiten, um den Kern herum zu navigieren, wobei ich sehr nah an ihm bleiben und sehen würde, in welche Mikrorichtung ich ihn entwickeln möchte und mit welchen Werkzeugen. Ich würde abwechselnd analytisch, konzeptionell und intuitiv arbeiten, um herauszufinden, welche der Optionen ich wähle und wie ich jedes einzelne Stück aufbauen kann.

Ich glaube nicht, dass die bestehenden musikalischen Sprachen ausgeschöpft wurden, und ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich eine neue Sprache erfunden habe, um es mal so auszudrücken. Es war eher ein innerer, persönlicher Prozess, der mir geholfen hat, kontrastreiche Stücke zu bauen und mir konkrete Bereiche zu geben, in denen ich improvisieren konnte.



Wie hat der Prozess der Schaffung von Musiksprachen funktioniert? Was macht diese neuen Sprachen aus?

Vielleicht kann ich auf die vorherige Antwort näher eingehen. Es gibt ein Stück namens Tenis Stołowy, das aus zwei Stimmen besteht: dem Klavier und der Aufnahme von Witold Gombrowicz, der seine Tagebücher liest. Bevor ich wusste, dass ich die Aufnahme verwenden würde, hatte ich ein kurzes intervallisches Motiv, das ziemlich seltsam, kantig und weit von meinem üblichen Vokabular entfernt war. Ich beschloss, damit zu arbeiten, Wege zu finden, diese seltsamen Formen fortzusetzen, sie zu entwickeln, aber nur kurzzeitig, nicht über einen längeren Zeitraum. Die Phrasen wurden zu gesprochenen Sätzen, und deshalb beschloss ich, sie mit der Aufnahme zu koppeln, um zwei Stimmen gleichzeitig sprechen zu lassen.

Bei der Weiterentwicklung der Klaviermotive habe ich versucht, die rhythmische Logik des komponierten Materials und den Rhythmus von Gombrowiczs Lesung zu einer Art von Verbund zu verbinden. Es war fast so, als wollte ich die Stimme imitieren, aber innerhalb der Regeln des Klaviermotivs (in Bezug auf Rhythmen und Intervallsprünge). Manchmal versuchte ich, die Stimme zu beschatten, ein anderes Mal kommentierte ich die Worte, stellte mich „gegen“ sie.

Was also diese besondere „Sprache“ ausmacht, sind spezifische Intervallsprünge als Kernmaterial, Rhythmus (komponierte rhythmische Formen + Einfluss des gesprochenen Wortes) und auf der Ebene die Form, die Aufzeichnung des polnischen Schriftstellers.



released April 5, 2022

COMPOSED & PERFORMED BY KAJA DRAKSLER

Recorded on April 13, 2021 at Splendor, Amsterdam. Recorded & mixed by Andy Moor, mastered by Yannis Kyriakides.

The quarter-tone keyboard was programmed by Gianluca Elia, the keyboard set-up was inspired by Cory Smythe. The words on Away! are from ‘In the Clearing’ (1962), written and recited by Robert Frost, singing by Laura Polence and Björk Níelsdóttir. The words on Tenis Stołowy are from ‘Dzienniki’ (1953-56), written and read by Witold Gombrowicz. The title of this album refers to the poem ‘Aquoueh R-Oyo,’ by Cecil Taylor (1973).

Cover art: Weronika Ge ̨sicka, Untitled #2, from the Collection series, 2017–2018. Courtesy of the artist & Jednostka Gallery.
www.weronikagesicka.com.

Design byIsabelle Vigier.


Wie ich Eingangs erwähnte, war ich richtig froh Ihre Musik hören zu können, und diese Freude hält auch immer noch an. Allein so ein Opener wie „Away“ ist einfach großartig und wenn man noch die erste Version mit Ihrem Octet dazu hört, kann man ihre Vorgangsweise noch besser verstehen und welche neuen Perspektiven sich in der neuen Version erschliessen. Zumal auch die beiden Sängerinnen vom Octet Laura Polence und Björk Níelsdóttir wieder dabei sind. Natürlich ist „Out for Stars“ mit Ihrem Octett sehr zu empfehlen. Auch ist es eine gute Gelegenheit, die vielen anderen Projekte anzuhören, wobei ich die neueste Veröffentlichung von PUNKT.VRT.PLASTIK mit ihrem Zürich Konzert favorisiere.

Für mich ist „In Otherness Oneself“ ein rundum überzeugendes Projekt und nebenbei auch die beste Solo-Klavierveröffentlichung bis jetzt in diesem Jahr. Jedes Stück hat hier seinen eigenen Charakter, wobei die Stücke mit Text wie „Away“ und „Tenis Stołowy“ für mich die stärksten sind. Allerdings klingt „Towards“ noch lange in mir nach. Ein Spiel mit Ecken und Kanten, was ich sehr mag. Manche Pianisten im Jazz gehen ja mittlerweile gefälligere Wege. Leider. Ich bin sehr gespannt auf ihre neuen Projekte und was es in der Zukunft noch von ihr zu hören gibt. Kurz: eine unbedingte Empfehlung!

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