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Release Tipps: „Noise, Drones und die Stille dazwischen“

Musik von Point Of Memory und David Wallraf. Während Point Of Memory seine ganze Bandbreite für uns offenbart und uns auf das Höchste fordert, wird es bei David Wallraf sehr, sehr düster oder wie er selbst sagt: zum Drehbuch für einen Albtraum. Da habe ich auch keine Fragen mehr.


Point Of Memory – Void Pusher / Misanthropic Agenda

Point Of Memory: „Void Pusher ist akustische Computermusik, die digitale Cut-Ups und Live-Ambient-Noise mit rohen, organischen Qualitäten kombiniert. Unhörbare Super-Bass-Frequenzen die durch einen mit akustischen Instrumenten und E-Gitarren gefüllten Raum pumpen und dabei sympathisch zu zittern und zu rumpeln beginnen. Dann nehmen Sie das Ergebnis auf: eine Kakophonie aus schallenden Snares, harmonisierenden Drones und dem subtilen Rasseln von Shakern, Glocken und Tamburinen. Meistens hört man den Bass gar nicht, sondern nur die Reaktionen auf ihn.“

Manchmal erzeugte der Bass überhaupt kein Geräusch. Indem die Klangquellen mit ihren Originalfrequenzen durch Verstärker geleitet und mit ihren reaktiven akustischen Gegenstücken gemischt werden, erhält jeder Moment seine eigene physikalische Logik, ein Gefühl von Bewegung und Konsequenz, das zufällig dem dritten Newtonschen Bewegungsgesetz entspricht: Auf jede Aktion folgt eine gleich große und entgegengesetzte Reaktion.

Die Absicht hinter diesem Projekt war es, ein Album zu schaffen, das trotz umfangreicher Manipulationen ein Gefühl von menschlicher Wärme und Seele ausstrahlt. Alle Ausgangsklänge wurden live aufgenommen oder durch Wiederverstärkung bearbeitet und live in einer Studioumgebung manipuliert, bevor sie zu Hause bearbeitet wurden. Die Aufnahmesitzungen fanden im Frühling, Sommer, Winter und Herbst statt, wobei ein breites Spektrum an Stimmungen eingefangen wurde, ohne bewusst nach Katharsis zu suchen.




Das Ziel war es, emotional offen zu bleiben und eine übermäßige Ausrichtung zu vermeiden, in einem abergläubischen Versuch, etwas von der menschlichen Verfassung im Großen einzufangen. Anstatt eine persönliche emotionale Befreiung anzustreben, sollte das Ziel sein, die menschliche Erfahrung im Allgemeinen zu umarmen und individuelle emotionale Zustände zu vermeiden. Die Logik dahinter ist, dass es eine größere Herausforderung ist, Musik zu schaffen, die universelle Gefühle und Empfindungen anspricht, als ein Werk zu produzieren, das ausschließlich introspektiv und selbstreferenziell ist. Auf diese Weise wollte der Künstler eher ein Vermittler der menschlichen Existenz sein als ein „Schriftsteller“. Sowohl in seiner Methode als auch in seinem Bestreben versucht der Künstler, auf das zu hören, was sich bereits in uns, zwischen uns und um uns herum abspielt, anstatt zu riskieren, es mit einer Idee von dem, was sein sollte, zu übertönen. Unwissend.

Es ist zu hoffen, dass durch Void Pusher etwas von der menschlichen Erfahrung eingefangen wurde. — Point of Memory




David Wallraf – The Commune Of Nightmares / Karlrecords

Das neue Album The Commune Of Nightmares des Noise-Künstlers David Wallraf ist ein auf Tapeloop basierendes musikalisches Spiel des cadavre exquis, einer von surrealistischen Künstlern entwickelten Technik. David Wallraf ist ein in Hamburg lebender Noise-Künstler und Theoretiker. Seine künstlerische Arbeit beschäftigt sich mit den verdrängten und unheimlichen klanglichen Überresten des alltäglichen Lebens und entwirft Soundtracks für die schleichende Katastrophe, in der wir leben. Seine Arbeiten wurden auf zahlreichen internationalen Tape-Labels veröffentlicht. Ein neueres Interesse gilt der Live-Vertonung von Stummfilmen, darunter Werke von Luis Buñuel, Maya Deren und Jean Genet. Seine Dissertation Grenzen des Hörens. Noise und die Akustik des Politischen ist auf Deutsch erschienen, eine englische Übersetzung ist in Arbeit.


David Wallraf

The Commune of Nightmares geht von der Idee aus, dass Albträume das logische Gegenteil des „kapitalistischen Realismus“ sind: eine unheimliche Unterströmung alltäglicher Erfahrungen und ein algorithmischer Spuk der Träume, der gleichzeitig eine gemeinsame – gemeinschaftliche – Erfahrung aller ist. Alle Lieder sind basieren auf Tapeloops, die willkürlich aus einem Versteck von Kassetten geschnitten wurden, von denen einige auf der Straße gefunden wurden, andere aus einem Vorrat von 4-Spur-Bändern, die in den späten 90ern und frühen 2000ern aufgenommen wurden – ein musikalisches Spiel von cadavre exquis, das mit zufälligen Fremden und früheren Versionen von DW gespielt wurde. © Text_ Label



Auf der Suche nach Material zu den beiden Veröffentlichungen bin ich auf einen Text von Robert Miessner (TAZ) gestoßen, in dem er über die neue Arbeit von David Wallraf und u.a. die Verbindung zu Throbbing Gristle schreibt. Throbbing Gristle gehören zu den Vätern der Industrial Music, aus der sich unter anderem der Noise entwickelt hat. Ihre Musik war für mich eine Zeit lang sehr wichtig. Über die Musik von „The Commune Of Nightmares“ schreibt er sehr treffend:

„Wallrafs Musik ist keine Blümchentapete, sie entwickelt sich aus einer dunkel dräuenden Eröffnung zu einer unheimlichen Klangskulptur. An anderen Momenten des Albums gerät das Unheimliche unschön.“

Hier wird nichts beschönigt, seine Musik ist direkt, radikal, kompromisslos, und darin finde ich Schönheit. So kurz und bündig möchte ich das schreiben. Natürlich ist das auch eine Provokation, aber ich finde diese Musik wichtiger denn je.

Wie ich eingangs schon geschrieben habe, eröffnet uns Point Of Memory sein ganzes akustisches Terrain. Die Orgel-Drones zu Beginn sind sehr erhaben und ein guter Einstieg in seine Klangwelt. Wir hören Fragmente, Fieldrecordings, die hauptsächlich aus manipulierten Stimmen bestehen, seine Bandbreite, die Vielfalt ist beeindruckend. Das macht für mich auch die Stärke dieser Veröffentlichung aus.Der gedankliche Überbau mit den menschlichen Erfahrungen, die in diese Musik einfließen sollen, bleibt Theorie. Aber das ist mir nicht so wichtig. Mehrmaliges Hören wird mit weiteren Entdeckungen belohnt. Das Ganze ist sehr zu empfehlen.

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