CD Tipp: Werke von Unsuk Chin mit den Berliner Philharmonikern
Von Albrecht Selge. Die Berliner Philharmoniker haben Ende letzten Jahres eine CD mit Werken der Ernst von Siemens Musikpreisträgerin 2024 Unsuk Chin veröffentlicht. Zum Kennenlernen ist diese Veröffentlichung sehr zu empfehlen!
Zuviel Jingle Bells und Stille Nacht gehört? Dann brauchen Sie möglicherweise jetzt etwas Gegenwartsmusik, um Ihre Ohren wieder aufzubekommen. Am besten von einer außereuropäischen Komponistin!
Eines der Stücke auf dem Album nennt sich Rocaná und ist von 2008. Komponiert hat es Unsuk Chin, die aus Korea stammt. Rocaná bedeutet „Lichtraum“ – und zwar im altindischen Sanskrit. Das zeigt zweierlei: erstens, dass Unsuk Chin sich keinesfalls aufs Koreanische festlegen lassen will, oder auf so eine Art gefälliges koreanisch-westliches Crossover.
Und zweitens, dass die Metaphern des Räumlichen und des Beleuchtenden für ihre Musik wichtig sind. Skulpturen zum Hören, könnte man sagen. Ein ganz eigenes musikalisches Charisma, auf das man sich einlassen muss. Ein weiteres Beispiel: Chorós Chordón, altgriechisch „Tanz der Fäden“, inspiriert von der Beschäftigung mit Astronomie und Kosmologie: Hier ist der Belichtungsraum gleich das imaginierte Universum.
Die 1961 in Seoul geborene Unsuk Chin ist also nicht nur Weltbürgerin, sondern quasi Weltallbürgerin. In ihrer Kindheit stand die Gottesdienstmusik ihrer evangelischen Pastorenfamilie gleichrangig neben koreanischer Schamanenmusik und sogenannter westlicher Klassik.
© SWR 2, Klassik, 28.12.2023