Silvestrovs „Silent Songs“ : Vom Auffangen und Weitergeben der Musik
Über Musik im Krieg, russische Klassiker und die Verbindung zwischen Komponist und Publikum: Ein Gespräch mit der Pianistin Hélène Grimaud und dem ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov. Von Thilo Komma-Pöllath.
Mit dem ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov beschäftigt sich die französische Pianistin Hélène Grimaud schon lange. Das Avantgardistische an Silvestrov, sagt sie, sei seine Einfachheit. Das gilt auch für dessen „Silent Songs“, die sie nun zusammen mit dem Bariton Konstantin Krimmel aufgenommen hat.
Herr Silvestrov, Ihre „Stillen Lieder“ haben Sie einmal als „vertontes Schweigen“ bezeichnet. Ist Ihnen gerade nach Schweigen zumute?
Valentin Silvestrov: Nein, in der aktuellen Situation rufe ich nicht zur Stille auf, es ist genau umgekehrt. Alles, was mich zu einem Menschen macht, was in mir menschlich ist, schreit in mir; ich muss so laut werden, wie ich nur kann. Ich hoffe, es geht vielen so. Das ist unsere Waffe gegen die Waffen der Terroristen, wir müssen gegen das Unrecht, das in meiner Heimat passiert, laut werden.
Sie sind im März 2022, kurz nach Ausbruch des Krieges, nach Deutschland geflohen und leben nun ziemlich genau seit einem Jahr hier im Exil. Wie geht es Ihnen?
Silvestrov: Ich bin okay, es geht mir soweit gut, auch wenn mein Alltag oft absurd ist. Ich warte und hoffe jede einzelne Sekunde, dass sich die Situation ändert, der Krieg endet und ich zurückkehren kann. Ich hoffe, dass Putin genauso schnell untergeht wie die Sowjetunion nach dem Mauerfall untergegangen ist.
© FAZ, Feuilleton, 1.5.2023