„So verstehen uns Aliens besser“ Seltsame Musik vom Schotten Bill Wells
Sonderlinge gibt es im Pop einige, aber keiner ist so verschroben wie Bill Wells. Deshalb werden hier gleich zwei Alben von ihm vorgestellt. Von Stephanie Grimm.
Wer leicht abseitige Musik mag, die dem Ohr schmeichelt wie ein Isla-Whiskey dem Gaumen, kommt um Schottland kaum herum – selbst wer kaum Künstler:Innen von dort kennt. Ein Name, der von nun an im Gedächtnis bleiben kann, ist Bill Wells. Seine Prägung beschrieb der Glasgower Gitarrist, Bassist und Pianist einmal als „jazz by default“. In den mittleren neunziger Jahren galt Wells tatsächlich als aufsteigender Stern am Jazzhimmel. Doch die streberhafte Szene erwiderte seine Liebe nicht – was wohl an seinem Herz für unterschiedlichste Klangwelten lag.
Der 1963 geborene Autodidakt erlaubte sich einen Witz über die Gatekeeper-Mentalität der arg hermetischen Jazzwelt, indem er eines seiner Bandprojekte National Jazz Trio of Scotland nannte – obwohl es weder Jazz noch ein Trio war und schon gar nicht mit einem offiziellen Auftrag unterwegs. Auf nunmehr fünf („Standards“ betitelten, durchnummerierten) Alben begleitet Wells die Sängerinnen Aby Vulliamy, Kate Sugden und Lorna Gilfedder jeweils durch eigenwillige Songs.
Über die Jahre entwickelte sich der Solitär zur grauen Eminenz in der Indie-Welt und arbeitete mit unterschiedlichsten Künstler:innen: den stilprägenden Indie-Poppern The Pastels, der Twee-Popband Belle & Sebastian, der Berliner Songwriterin Barbara Morgenstern oder mit Aidan Moffat, bekannt als Solist und Hälfte des grummeligen Duos Arab Strap.
© TAZ, Kultur, 22.3.2023