Auserzählt? (1/4): Von leeren Blättern und Literatur ohne Narrativ
Von Angela Steidele. Auserzählt? Mitnichten! Wir leben inmitten boshafter Fabulierlust und irreführender Fantasie. Ein Essay über das Erzählen in sich wandelnden gesellschaftlichen Kontexten vom Kölner Kongress 2023 zum Erzählen in den Medien im Deutschlandfunk.
Russlands siegreiche „Spezial-Operation“ gegen die Ukraine, Chinas weltbester Umgang mit Covid-19, der Riesenerfolg des Brexit, gestohlene Wahlen in den USA, Wandel durch Handel – die krassesten politischen Lügen kleiden sich in groß angelegte Erzählungen. Alles hat heute eine Narrativ – nur die Literatur hat keins mehr. Dokumentationen, Autobiografien, Recherchen tarnen sich als Romane. Wer will noch fiktional erzählen, wenn er sich mit Aluhutträgern, Verschwörungsidioten oder Reichsbürgern gemein macht? In Russland und China demonstrieren Todesmutige mit unbeschriebenen Blättern: Taugt gegen die grotesken Fiktionen nur noch das Anti-Narrativ der Leere?
Wissenschaftlich recherchieren – literarisch schreiben kennzeichnet sowohl Angela Steideles Biografien (In Männerkleidern über Catharina Linck 2004, neu 2021; Geschichte einer Liebe über Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens 2010; Anne Lister 2017), als auch ihr essayistisches Werk (Zeitreisen 2018; Poetik der Biographie 2019) und nicht zuletzt ihre Romane (Rosenstengel 2015, Aufklärung 2022). Die Autorin, geboren 1968, wurde u.a. mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet.