SZ – Jazzkolumne: Futur der Hoffnung

Im diplomatischen Dienst zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Grandiose neue Solo-Aufnahmen der Pianisten Abdullah Ibrahim und Hassan Ibn Ali und andere Neuigkeiten von Andrian Kreye.

Gibt es eigentlich schon die Zeitform des Futur Spei? Des Futur der Hoffnung? Der wäre irgendwann in den Jahren zwischen 2020 und 2022 entstanden und bezeichnet all jene Was-wäre-wenn-es-dann-mal-vorbei-wäre-Formen der vorausschauenden Erzählungen für die Zeit nach der Pandemie. Wahrscheinlich wird das irgendwann zum magischen Realismus gehören, aber da wäre man dann auch schon bei dem grandiosen neuen Solo-Album „Solotude“, das der Pianist Abdullah Ibrahim in seinem Heimstudio aufnahm, der früher mal Dollar Brand hieß und Südafrikaner war, und der jetzt nicht weit vom Chiemsee lebt.

Um das mal mit dem Futur Spei zu formulieren, wäre das in der Flut der Corona-Arbeiten, in denen Künstlerinnen und Künstler aller Gattungen in der Einsamkeit der Lockdowns um sich selbst kreisen, eines der wenigen Werke, das nicht nur übrig bleibt, sondern auch einen Einblick in die Gefühlswelt dieser Zeit gibt. Zwischen der Einsamkeit des Solo-Rezitals, der Verzweiflung der pandemischen Zeit und der Hoffnung auf ihr Ende, entstand da ein Album, das sehr viel mehr darstellt als nur das Ausloten einer Gegenwart, die mit jeder Woche bizarrer und quälender wird. So als sei Corona der Donald Trump unter den Viren.


In 20 Stücken und Vignetten schöpft der 87-Jährige tief aus seiner Lebensgeschichte, die ihn von Kapstadt über die Dissidentenbewegung im amerikanischen Exil bis ins bayerische Voralpenland führte. „Blues for a Hip King“ heißt eines der Stücke, das er wahrscheinlich jemand ganz anderem gewidmet hat, das aber sein Lebenswerk (das so umfänglich wie gewaltig ist) ganz gut auf den Punkt bringt. Da umspielt er die Blaupause des Bluesschemas mit dem Melodiegefühl seiner Heimat, das zwischen dem Hymnischen und dem Verzweifelten immer eine Wärme findet, die nur wenige so kongenial in den Norden gebracht haben wie Abdullah Ibrahim. Und das ist nur einer von wie gesagt 20 Einblicken.




© Süddeutsche Zeitung, Jazzkolumne, 10.1.2022



Danke, das Du meinen Beitrag kommentieren möchtest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: