SZ – Jazzkolumne: „Mit großem A“ von Andrian Kreye
Was darf die Kunst? Na alles. Neue Alben von Robert Glasper, Terrace Martin und Blue Lab Beats sind eher Hip-Hop als Jazz, aber das ist nur eine Frage der Haltung. Playlist mit Ausschnitten aus den Jazz-Alben der Kolumnen am Ende des Beitrags.
Die Veröffentlichung von Robert Glaspers „Black Radio III“ (Concord) wäre ein guter Zeitpunkt, um mal wieder daran zu erinnern, dass er vor ziemlich genau zehn Jahren zum ersten Teil seines Langzweitwerkes dazu aufrief, den Jazz zu erneuern, und seither nur noch selten Jazz gespielt hat. Auch „Black Radio III“ ist zunächst mal eine Mischung aus R’n’B, Hip-Hop und Pop mit Gästen aus ebenjenen Genres wie Common und H.E.R., Lalah Hathaway und Jennifer Hudson. Glasper ist auch keineswegs der einzige Jazzmusiker, der sich aus den klassischen Formen gelöst hat. Wobei er damals ja auch deutlich sagte, dass er zu einer Generation gehört, die über die digitalen Kanäle die gesamte Musikgeschichte mit ein paar Mausklicks abrufen kann. Hip-Hop sei nun mal Teil seines eigenen Lebens, Bebop nur die Vorgeschichte.
Das ist ein Riesenunterschied zur Fusion der Vergangenheit. Als sich die Jazzmusiker in den Siebzigerjahren aufmachten, mit Rock, Soul und Easy Listening neue Mischformen zu schaffen, war da noch viel Kalkül dabei. Nicht zuletzt beim Pionier Miles Davis. Zwei Jahrzehnte lang war Modern Jazz die Musik der Jugend und der Soundtrack seiner Zeit gewesen. Das ging mit Rock und Soul zu Ende. So einige Versuche, sich dem neuen Zeitgeist anzuhängen, gingen dann auch schief oder hielten sich zumindest nicht besonders. Das lag vor allem am eher brachialen Rhythmusgefühl der neuen Genres, in denen sich die Jazzer hörbar unwohl fühlten.
© Süddeutsche Zeitung, Jazzkolumne, 7.3.2022