SZ Jazzkolumne: „Welcome to the Thunderdome“ von Andrian Kreye
Art Blakey produzierte Modern Jazz für die Jukebox. Umso grandioser, dass nun ein Konzert aus einem klassischen Konzertsaal in Tokio erscheint.
Um zu verstehen, warum die Japantournee für Art Blakey im Januar 1961 ein so wichtiger Schritt in seinem Leben war, muss man kurz in seine Kindheit und Jugend zurück. Er war ursprünglich gar kein Schlagzeuger, sondern Pianist. Und das Klavierspielen war auch keine Berufung, sondern zunächst mal der Ausweg aus der Qual der Kinderarbeit in den Kohlebergwerken der Appalachian Mountains im Südwesten von Pennsylvania. Blakey war als Waisenkind bei einer Pflegemutter in Pittsburgh aufgewachsen. Kurz nach seinem zehnten Geburtstag begann im Oktober 1929 die große Depression mit dem „Schwarzen Donnerstag“. Da fragte man nicht lange, ob man schon alt genug fürs Arbeiten war.
Blakeys Biografie wurde nie eindeutig dokumentiert, aber es gilt als relativ sicher, dass er schon in der siebten Klasse gut genug am Klavier war, um in den Kaschemmen der Stahl- und Kohlestadt so viel Geld zu verdienen, dass er nicht mehr in den Stollen musste. Eines Abends Anfang der Dreißigerjahre aber im Democratic Club, einem After-Hours-Laden im Vergnügungsviertel Shadyside, war der Gangster, dem der Laden gehört so begeistert von dem jungen Pianisten Erroll Garner, dass er Blakey mit gezogener Pistole vom Klavier ans Schlagzeug beorderte. Der Legende nach fand sich Blakey erstaunlich rasch zurecht und bald auch schon Arbeit als Drummer für die Pianistin Mary Lou Williams und in den Orchestern von Fletcher Henderson und Billy Eckstein.
© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 24.1.2022