SZ Jazzkolumne: „Paarbildungen“ Von Andrian Kreye

Wie war denn nun der Neue bei den „Stones“? Und warum funktionieren Zweierbeziehungen im Jazz so gut? Musik von Emile Parisien, Anna Kaluza und Jan Roder sowie der Jazzrausch Bigband.

Weil es gerade um Paarbildungen geht – ein Ruck nach dem anderen ging neulich im Münchner Jazzclub Unterfahrt durchs Publikum. Emile Parisien war mit dem Sextett zu Gast, mit dem er Anfang des Jahres das phänomenale Album „Louise“ (Act) veröffentlicht hat. Live war das noch mal ein unfassbarer Schub nach vorne, vor allem, weil sich in Parisien und dem Trompeter Theo Croker zwei gefunden haben, die gemeinsam Funken schlagen. Alleine schon die Front aus Sopransaxofon und Trompeter, in der Parisien die Leitstimme spielen kann, weil Croker der Trompete im unteren Bereich zu ungewohnter Kraft verhilft. Die vierköpfige Rhythmusgruppe hilft dabei kongenial, die Freiräume rund um die durchkomponierten Strecken unter Strom zu setzen. Man kann das Sextett im August noch bei den Festivals in Oslo, Ramatuelle, Saalfelden, Rostock und Worms hören. Ist alleine schon den Eintrittspreis wert.



Noch so ein kongeniales Duo hat sich nicht nur gefunden, sondern entschlossen, sich auch wirklich aufeinander zu konzentrieren. Die Altsaxofonistin Anna Kaluza spielte während ihres Studiums im London Improvisers Orchestra und gründete dann nach ihrer Rückkehr nach Deutschland vor zwölf Jahren das Berlin Improvisers Orchestra. Jan Roder wiederum gehört zu den gefragtesten Musikern der freien Szene, kennt Kaluza aus dem Orchester und von der Arbeit in ihrem Quartett. Dass sie sich nun auf die ultrakomprimierte Form einlassen, spricht für die enorme Bandbreite der beiden. Vom virtuosen Spontankomponieren bis zum Austausch der radikal freien Töne decken sie so ziemlich die gesamte Bandbreite dessen ab, was der Jazz der Gegenwart so hergibt. Ähnlich wie die Duoplatten von Ingrid Laubrock zeigen sie, dass freie Improvisation für Zuhörende keine gebirgshohen Zugangsschwellen haben muss.



Und dann gibt es noch die Großensembles, die Egos und Paare dem großen Ganzen unterordnen und dafür oft Menschenmengen mitreißen können wie eine Stadionband. Nur wenige haben eine solch Dichte und Wucht erreicht wie die Jazzrausch Bigband. Ihre biografischen und musikalischen Wurzeln im Münchner Technoclub „Harry Klein“ sind legendär, ihre intellektuellen Ambitionen ebenso. Nach Alben über Beethoven, Wittgenstein und das mathematische Prinzip der Möbiusschleife, geht es dieses Mal um das systemtheoretische Modell der Emergenz, in dem aus dem Chaos Großes entstehen kann. Konzeptballast hin oder her, lösen sie sich mit diesem neuen Album noch weiter vom Techno-Vierteltakt. Nach acht Jahren sind sie nicht nur Weltstars, sie beherrschen als Big Band auch ein beeindruckendes Stil- und Klangspektrum. Das reicht vom Schwebezustand, wie ihn Gil Evans für Miles Davis erfand, über Sommerhit-taugliche Songs bis hin zur Minimal Music. Dass sie nie versucht haben, zeitgenössische Musik für Big Bands zu arrangieren, sondern immer daran arbeiteten, ihre Big-Band-Arrangements nach den Leitsternen zeitgenössische Klangbilder zu orientieren, ist ein großes Glück. Und dass Techno, wenn er denn auftaucht, so freundlich daherkommt, liegt sicher auch daran, dass diese Musik ihren Ursprung an sommerlichen Isarstränden hat.




© Süddeutsche Zeitung, Kultur, Jazzkolumne, 13.6.2022

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