SZ Jazzkolumne „Uncool“ von Andrian Kreye

Vor zwanzig Jahren rettete die Liedermacherin Norah Jones das Jazzlabel Blue Note. Und veränderte mehr in der Musik, als man ihr zugestand.

Zwanzig Jahre ist es her, dass die damals 22-jährige Liedermacherin Norah Jones das coolste Jazzlabel aller Zeiten, Blue Note Records, mit dem ausgesprochen uncoolen Album „Come Away With Me“ rettete, das nun in einer Jubiläumsausgabe erscheint. Der Mutterkonzern hatte sich damals überlegt, das Label ins Archiv zu verbannen, das nicht nur die Heimat von Thelonious Monk, Herbie Hancock und Lee Morgan gewesen war, sondern mit seinen Plattencovern mit den Fotos von Francis Wolff und den Zeichnungen von Andy Warhol auch die Bildsprache des Cool geprägt hatte. Aber dann kamen von Jones drei Millionen verkaufte Alben im ersten Jahr (inzwischen sind es fast 30), acht Grammys, weltweit 20 Nummer-1-Plätze und mit „Don’t Know Why“ eine richtige Hit-Single. Als sie sich damals im Büro von Blue Note zum Interview traf, waren gerade die Möbelpacker da, weil die Firma in schickere Räume umziehen durfte.



Jetzt kann man es ja zugeben. Man (also ich) fand das Album grauenhaft. Aber da war man (also ich) noch jung, cool und Bürger der notorisch sarkastischen Stadt New York. Um das anekdotisch noch mal auf den Punkt zu bringen: Norah Jones war in dem Sommer Headlinerin eines Festivals am Südzipfel von Manhattan. Im Vorprogramm spielte Robbie Williams. Und dann kam nach einer Stunde Sinatra-haftem Vollgas Jones mit ihren traurigen Klavierakkorden und der unfassbar melancholischen Hauchstimme, die wie ein Seidenschal über die New York Bay wehte. Nach ein paar Takten meinte einer: „O Mann. Da kriege ich Lust, mir die Pulsadern aufzuschneiden.“ Hahaha. Genau.



© Süddeutsche Zeitung, Jazzkolumne, 2.5.2022


Come Away With Me 20th Anniversary Livestream

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