Tagesspiegel: Jazzfest Berlin 2020 „Am großen Stream der Spree“
Von Wedding nach Brooklyn und umgekehrt: Das Jazzfest Berlin rettet sich mit einer Onlineausgabe.
Von Gregor Dotzauer
Vielleicht würde man im Nachhinein einen welthistorischen Stromstoß bemerken, der in das fröhliche, hochgradig theatralische Chaos von MEOW! hineinfuhr, ohne dass die vier Wahlberliner zunächst hätten wissen können, was ihnen widerfuhr. Denn mitten ins nachmittägliche Konzert am Samstag platzte die Nachricht von Joe Bidens Wahlsieg in den USA.
Das Bangen, das unausgesprochen über dem Jazzfest lag, hatte ein Ende. Spätestens als Nadin Deventer, die Leiterin und Moderatorin der vier Tage, die Band mit der frohen Botschaft überraschte, wich es einer Erleichterung, die man bei den folgenden Auftritten spüren konnte.
Ob nun aber ein subkutaner Impuls MEOW! erfasste und ihre Katzenperformance über ein wohliges Schnurren hinaus ins Raubtierhafte trieb, könnte man angesichts des konstant hohen Energielevels ihrer Musik kaum sagen. Was die türkische Sängerin Cansu Tanrikulu, der norwegische E-Bassist Dan Peter Sundlund, die amerikanische Keyboarderin Liz Kosack und vor allem der amerikanische Drummer Jim Black hier zusammenrühren, benutzt zerbrochene Metal-Grooves wie Hiphop und Electronica, Free-Jazz- Explosionen eingeschlossen.
© Der Tagesspiegel, Kultur, 8.11.2020