Ulrike Ottinger zum 80. „Das Begehren ist eine bewusstseinserweiternde Droge“
Ulrike Ottinger arbeitet als Graphikerin, Malerin und Filmregisseurin immer an einem großen Projekt: der Verzauberung der Welt. An diesem Montag wird sie achtzig Jahre alt. Von Claudius Seidel.
lrike Ottinger wird achtzig an diesem Pfingstmontag – aber wer diesen Geburtstag zum Anlass nähme, schon einmal eine Bilanz zu ziehen und zurückzuschauen auf ein Werk, das sich womöglich gerundet hat, der wäre bei dieser Künstlerin an der falschen Adresse. Sie ist mit Ausstellungen, Symposien, Filmvorführungen viel zu beschäftigt, als dass sie die Zeit hätte, übers Aufhören nachzudenken.
Wie sie angefangen hat, daran hat sie sich selbst und ihr Publikum vor drei Jahren erinnert mit dem Film „Paris Calligrammes“, der für die Kenner und Bewunderer ihres Frühwerks extrem verstörend war, auf den ersten Blick jedenfalls. Denn sie, von der man doch immer Provokationen, Schwerverständlichkeit und die Erschütterung aller sexuellen und ästhetischen Gewissheiten erwarten durfte, schilderte hier verständlich, fast schon brav und mit einer lehrerinnenhaften Geduld, wie sie 1962 nach Paris gekommen, dort sieben Jahre lang geblieben und dabei zur Künstlerin geworden war. Ulrike Ottinger begegnete den Menschen, die man kennen musste, sie war dabei im Mai 1968 – und man glaubt ihr sofort, dass sie damals schon verstand, dass es nicht Sinn der Revolte sein konnte, ein kommunistisches System zu erreichen. Der Sinn der Revolte war die Schönheit der Revolte.
© FAZ, Feuilleton, 6.6.2022