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Umstrittene These: „Ostdeutschland als Erfindung des Westens?“

Der Westen braucht den Osten als negative Projektionsfläche. Das ist die zentrale These in Dirk Oschmanns Buch „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“. Dass jetzt die russische Übersetzung mit deutlichen Eingriffen erscheint, sorgt für Diskussionen.

Der Osten ist eine westdeutsche Erfindung, zumindest wenn es nach Dirk Oschmann geht. Der in Gotha geborene und in Leipzig lehrende Germanist erregte bereits im Februar 2022 mit dieser These Aufsehen. Auf seinen damals in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ veröffentlichten Artikel folgte ein Jahr später ein ganzes Buch mit dem gleichnamigen Titel, das es bis auf Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste schaffte.

Das Buch wurde jetzt auch in russischer Übersetzung von einem Moskauer Verlag vertrieben, allerdings mit erheblichen Eingriffen.

Wie lautet Dirk Oschmanns These? 

Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland Thema. Die Lebensverhältnisse in beiden Teilen des Landes sind immer noch nicht angeglichen. Oschmann vertritt nun die These, dass der Westen den Osten als negative Projektionsfläche braucht, um sich selbst in einem besseren Licht darzustellen.

Er spricht in diesem Kontext von „Othering“. Das ist ein Konzept, das auf den Literaturwissenschaftler Edward Said zurückgeht, einen der wichtigsten Theoretiker des Postkolonialismus. Der Politikwissenschaftler Aram Ziai fasst „Othering“ so zusammen: „Othering ist abstrakt gesehen die Konstruktion eines Fremden, das als negative Projektionsfläche zur (Re-)Produktion einer positiven eigenen Identität dient.“

So wird der Westen zur Norm und der Osten zur Ausnahme. In Oschmanns Buch heißt es dazu:

„Die dominante, ausschließlich westdeutsch perspektivierte [Geschichte] lautet, dass Deutschland im Gefolge des Zweiten Weltkriegs in BRD und DDR geteilt wurde, wobei die BRD ‚Deutschland’ blieb, während die DDR als ‚Ostzone’ oder einfach nur als ‚Zone’ erschien. Nach dem Fall der Mauer 1989 ist die DDR dann der BRD nach Artikel 23 des Grundgesetzes ‚beigetreten’ und firmiert seitdem im öffentlichen Raum in erster Linie als ‚Osten’, der ‚aufholen und sich normalisieren muss’.“



© Deutschlandfunk Kultur, 31.10.2024

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