VAN Magazin: Dina König „Ich habe in den letzten zwei Jahren jeglichen Spaß am Singen verloren“.

Die Altistin Dina König hat ihre Gesangskarriere aufgegeben, um als Tramfahrerin für die Basler Verkehrsbetriebe zu arbeiten. Über einen Beruf, der nicht für alle Berufung ist, und das Glück, endlich auszusteigen. Von Jeffrey Arlo Brown.

König wird 1991 in Karaganda, Kasachstan als Urenkelin eines berühmten Sängers und Dombra-Spielers geboren. Als König zwei oder drei Jahre alt ist, beobachtet eine Freundin ihrer Mutter sie beim Singen und Tanzen. Diese Freundin erzählt, dass König schon damals perfekt intoniert. Sie beginnt ihre künstlerische Früherziehung an einer örtlichen Musikschule. Weil die Familie deutsche Wurzeln hat, zieht sie im Alter von fünf Jahren mit ihrer Mutter, die als Pflegerin für schwerbehinderte Kinder arbeitet, nach Eggenfelden in Niederbayern. Mit sieben Jahren erhält König Klavierunterricht und Stimmbildung, zwei Jahre später kommt noch Geigenunterricht dazu. 

VAN: Warum hast du dich nach der Schule für eine Weiterbildung an der Berufsfachschule für Musik entschieden?

Dina König: Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich habe an etwas Praktisches gedacht. Ich glaube, meine Gesangslehrerin hat erzählt, dass es diese Berufsfachschule für Musik gibt. Ich hatte gar keine Lust, aber meine Mutter meinte: ›Das musst du probieren, du musst Musik machen.‹ Ich habe dort Klavier vorgespielt, das war natürlich eine Katastrophe. Dann hat meine Mutter gesagt, ›Komm’, wir probieren es mit Gesang.‹ An einer Schule gab es eine Gesangslehrerin, die mich gehört hat. Sie hat gesagt: ›Wenn du übst, wird das gut.‹  

Meine Mutter und meine Gesangslehrerin haben mich sehr unterstützt. Es war aber auch, glaube ich, dieser Wunsch von meiner Mutter, dass ich an die Musikhochschule gehe. In Kasachstan und Russland hat das großes Prestige. Ich hätte mir gewünscht, tatsächlich Musical-Gesang zu studieren, aber viele Leute, auch meine Lehrerin, haben mir gesagt: ›Das ist schwierig und nicht gesund für die Stimme. Die Leute sind früh fertig.‹

Klassik ist doch auch eine schwierige Branche.

Ja, aber sie sahen für mich dort mehr Potenzial.



Wie ist der Umgang von deinen Musikerkolleg:innen mit der Entscheidung, den Beruf zu wechseln? Ich finde, dass Musiker:innen oft nicht wissen, wie sie mit anderen Berufsgruppen umgehen sollen.

Die Reaktionen waren immer sehr unterschiedlich. Die meisten haben verständnisvoll reagiert, einige natürlich auch gar nicht. Manchen ist es egal. Man sieht, wie schnell man in dem Beruf vergessen wird. Es gibt genug Altistinnen. Ganz wenige haben gesagt, dass sie es sehr schade fanden. Als ich damals erfahren habe, dass ich den Job bekommen habe, war ich auf einem Projekt. Ich bin ganz glücklich herumgerannt, habe einem Musiker-Freund davon erzählt, und er meinte, mit so einem Lamento-Gesang, ›Meine Dina, nein …‹. 

Seitdem du im März 2021 angefangen hast, Vollzeit bei den Verkehrsbetrieben zu arbeiten, hat sich etwas an deiner Beziehung zu deinem Sohn geändert? 

Im Corona-Jahr war ich überhaupt mal zu Hause und konnte eine wirkliche Bindung, einen wirklichen Kontakt zu meinem Sohn aufbauen. Jetzt finde ich es schön, jeden Tag nach Hause zu kommen. Ich habe das Gefühl, meinem Sohn tut es auch gut. 

Was sagt deine Mutter zu deiner Entscheidung?

Mittlerweile akzeptiert meine Mutter es, aber für sie war es sehr schwierig. Sie konnte es gar nicht glauben. Sie hat gesagt: ›Das geht nicht. Du hast so viel Zeit und Energie investiert und du bist eine Sängerin, du bist eine Musikerin, du kannst gar nichts Anderes.‹ Es war schwierig. Mittlerweile sieht sie, dass ich glücklich bin. Ich denke, sie hat immer noch die Hoffnung, dass ich ein Comeback habe. Es war für sie ein Traum, dass ich das mache. Wie soll ich sagen: Ich habe verstanden, dass das ihr Traum ist, nicht meiner.

© VAN Magazin, 6.10.2021

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