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„Aliens und Obdachlose“ Helene Hegemann über Pattie Smith

Die Schriftstellerin Helene Hegemann hat ein kurzes Buch über die amerikanische Künstlerin Patti Smith geschrieben. Aber es ist viel mehr als das. Es ist eine Verkettung lebensrettender Umstände. Von Julia Encke.

Eine Begegnung in Wien, in einer Mehrzweckhalle, die als Probebühne für eine Inszenierung des Regisseurs Christoph Schlingensief dient. Helene Hegemann ist dreizehn, fast vierzehn, und Patti Smith achtundfünfzig. Hegemann weiß aber nicht, dass es Patti Smith ist. Sie hält sie für eine Obdachlose mit ihren langen Haaren und ihrem durchlöcherten Mantel. Die Frau spricht sie auf Englisch an, aber Helene Hegemann versteht kein Englisch, nickt und grinst deshalb auch nicht, sondern sitzt einfach da wie ein kleiner Zinnsoldat.



Siebenundsechzig Tage davor, im Herbst 2005, tanzte die Dreizehnjährige zu Patti Smiths „Because the night“ – allerdings zu der schlechten Coverversion von Jan Wayne – bei einer westdeutschen Meisterschaft. Das Lied gefiel ihr nicht, trotzdem gewann sie. Es war der bis dahin größte Erfolg ihres Lebens, eine Mischung aus Cheerleading, MTV und Breakdance in einer Turnhalle im Ruhrgebiet zwischen zwei Kleinstädten.

Sechs Stunden später starb Helene Hegemanns Mutter an einer Gehirnblutung, und das Mädchen blieb allein in jener Sozialwohnung zwischen Sonnenstudio, Gemeindehalle und Spielplatz zurück, in der sie mit der Mutter lebte. Auf dem Spielplatz übernachteten immer wieder kleine Kinder unter dem Klettergerüst, weil ihre Eltern zu betrunken waren, um ihnen die Haustür zu öffnen. „Ich haute Möbel kaputt, versuchte ab und zu, mir den Arm zu brechen, starrte tagelang auf dieselbe Stelle. Und ich heulte nicht, kein einziges Mal. Es war, als drückte mich ihr Tod in eine verschimmelnde Matratze. Als müsste ich jeden Muskel bis zur Verkrampfung anspannen, um nicht mit diesem Schimmel zu verschmelzen,“ schreibt sie jetzt in ihrem kurzen neuen Buch, „Patti Smith“.



Helene Hegemann, „Patti Smith“. Kiepenheuer & Witsch, 112 Seiten, 10 Euro (erscheint am 7. Oktober).

© FAZ, Feuilleton, 27.9.2021

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