Buchtipp: „Wie der Punk nach Hannover kam“
Bis heute ist Niedersachsens Hauptstadt als Punk-Metropole unterschätzt. Der Band „Wie der Punk nach Hannover kam“ nimmt die längst fällige Korrektur vor. Von Ulrich Gutmair.
Hannover im Mai 2023. Das ursprünglich besetzte Kulturzentrum Pavillon befindet sich am Rand der brutalistischen Szenerie um den Hauptbahnhof der von alliierten Bombern einst schwer getroffenen Stadt. Im Pavillon singt Der Moderne Man eines seiner alten Lieder. Nachdem man unter der Stadtautobahn hierhergelaufen ist, versteht man es noch besser: „Die Welt ist heute praktisch / Die Welt ist so bequem / Ich steh auf Fortschritt, Technik / Die Zukunft will ich sehn.“ Im Pavillon wird an diesem Abend das Erscheinen des Buchs „Wie der Punk nach Hannover kam“ gefeiert.
Davor hängt ein nicht mehr junger Mann mit Iro und Lederjacke herum. Er ist aber noch deutlich jünger als die erste Generation von Punk in Hannover, die sich ebenfalls auf den Weg in den Pavillon gemacht hat. Drinnen ist ihm die Luft zu schlecht, sagt er, und so ganz überzeugt ist er auch von der Musik nicht. Nun nähert sich dem Iroträger ein junger Mann, Marke Hipster mit Bart: Diese Selbstbeweihräucherung nerve, sagt der Bart zum Iro über das Geschehen im Pavillon. Der Bartbesitzer hat sich den Iroträger offenkundig bewusst als „authentischen“ Punkadressaten für seine Klage ausgesucht.
„Wie der Punk nach Hannover kam“, hrsg. von Klaus Abelmann, Detlef Max, Hollow Skai. Hirnkost, Berlin 2023. 256 Seiten, 30 Euro.
© TAZ, Kultur, 25.6.2023