„Die innere Wahrheit der Musik“ Zum 90. Geburtstag der Komponistin Sofia Gubaidulina

Tief beeindruckt und berührt hat die Uraufführung des groß besetzten Orchesterwerks „Der Zorn Gottes“ durch das ORF Radio-Symphonieorchester Wien bei Wien modern 2020: Mit schmetternden Blechbläsern, Glockenklängen und irisierendem Streicherflirren hatte Sofia Gubaidulina ein klingendes Mahnmal für die Menschlichkeit geschaffen. Von Marie-Therese Rudolph.

Verstärkt war die Wirkung durch den erneuten Beschluss, Konzerte nur ohne Publikum stattfinden zu lassen, und der Anschlag in der Wiener Innenstadt nur wenige Tage zuvor, der die Stadt in einen Schockzustand versetzt hatte.

Gubaidulina hatte ihr spätes Werk in Beziehung zu dem gleichnamigen instrumentalen Satz ihres 15-teiligen Oratoriums „Über Liebe und Hass“ gestellt, auf den sie die Vertonung des Friedensgebets von Franz von Assis in vier Sprachen – als Katharsis, die nach Gottes Zornesausbruch die Kraft der Liebe beschwört – folgen lässt.

Vor 90 Jahren in Tschistopol in der Tatarischen Republik geboren, zählt Gubaidulina zu den bedeutendsten Künstlerinnen unserer Zeit. Für sie ist die Aufführung von Musik, „die bedeutendste Form des Widerstandes der Menschheit gegen den geistigen Verfall überhaupt. Musikalische Tätigkeit ist enorm wichtig und heilend für die Welt“.

Sie studierte in der Hauptstadt der Tatarischen Republik Kasan Klavier und Komposition und danach in Moskau bei einem Assistenten von Dmitri Schostakowitsch. Da die Ästhetik ihrer Werke nicht den Vorstellungen des Sowjet-Regimes entsprach, war die Komponistin massiven Verboten durch die Behörden ausgesetzt. Doch trotz aller Schwierigkeiten und keiner Aussicht auf die Aufführung ihrer Kompositionen in ihrer Heimat, blieb sie im Land und verdiente ab den 1960er Jahren als freischaffende Komponistin vor allem mit Filmmusik ihren Lebensunterhalt. Schostakowitsch ermutigte sie einst, ihren Weg beharrlich trotz aller Widrigkeiten weiterzugehen. Dies tat sie und erst spät, mit Beginn der 1980er Jahre wurden ihre Kompositionen außerhalb Russlands mehr und mehr gespielt. Große Unterstützung erfuhr sie durch Freunde wie etwa den umtriebigen lettischen Geiger Gidon Kremer, der viele ihrer Werke zur Aufführung gebracht hat, unter anderem bei seinem Festival im burgenländischen Lockenhaus. 1992 emigrierte sie schließlich von Moskau in die Nähe von Hamburg, wo sie heute noch in einem kleinen Haus lebt – und beständig arbeitet.

„Ob ich modern bin oder nicht, ist mir gleichgültig. Wichtig ist mir die innere Wahrheit meiner Musik“, diese Aussage der Komponistin könnte als Grundsatz über ihren Werken stehen. Sie sind geprägt von einer tief empfundenen Religiosität, einer verinnerlichten Spiritualität. Ihr war und ist die Kunst eine Gegenwelt, der eine beinahe religiöse Funktion zukommt, die innere Einkehr, ein in sich Hineinhören ermöglicht. In ihrer Musik verbinden sich mystisches Gedankengut, östliche Philosophien und eine tiefe Religiosität, daher verwundert es nicht, dass es so gut wie keine absolute Musik von ihr gibt.



© Ö1, Zeit-Ton Extended, 24.10.2021

Komponist/Komponistin: Sofia Gubaidulina/geb.1931
Titel: In Croce (Am Kreuz) – für Violoncello und Akkordeon (nach der Originalfassung für Violoncello und Orgel)
Solist/Solistin: Julius Berger /Violoncello
Solist/Solistin: Stefan Hussong /Akkordeon
Länge: 14:19 min
Label: Wergo WER 66842

Komponist/Komponistin: Sofia Gubaidulina/geb.1931
Album: SOFIA GUBAIDULINA: CANTICLE OF THE SUN
Titel: Die Leier des Orpheus – für Violine, Schlagzeug und Streichorchester, 1.Teil aus dem Triptychon „Nadejka“ (Ausschnitt)
Solist/Solistin: Gidon Kremer /Violine
Solist/Solistin: Andrei Pushkarev /Perkussion
Solist/Solistin: Rihards Zalupe /Perkussion
Orchester: Kremerata Baltica
Leitung: Maris Sirmais
Länge: 11:10 min
Label: ECM New Series 2256 / 4764662

Komponist/Komponistin: Sofia Gubaidulina
Gesamttitel: Konzert Wien Modern 2020 (WMOD201106-1)
Titel: Der Zorn Gottes für Orchester (2019), Uraufführung, Auftrag Osterfestspiele Salzburg (Ausschnitt)
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Leitung: Oksana Lyniv
Länge: 07:28 min
Label: Sikorski / Materialleihgebühr

Komponist/Komponistin: Sofia Gubaidulina
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Francisco Tanzer
Album: TRE VOCI – K. Kashkashian, S. Magen, M. Piccinini
Titel: Garten von Freuden und Traurigkeiten – für Flöte, Viola und Harfe (Ausschnitt)
Solist/Solistin: Marina Piccinini /Flöte
Solist/Solistin: Kim Kashkashian /Viola
Solist/Solistin: Sivan Magen /Harfe
Länge: 09:23 min
Label: ECM Rec. 2345 / 4810880

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