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„Erosion des Urteils“ Zur Situation der zeitgenössischen Musikkritik

Je individueller sich die Kultur gibt, desto weniger greifen Kriterien und Orientierungspunkte, die für ein Gemeinwesen Gültigkeit besitzen. Von Thomas Groetz.

Verstärkt durch den Zerfall der Ost-West-Ideologien begann seit den 1990er-Jahren eine Entwicklung, bei der Spartendenken und subjektive Geschmacksurteile die Bedeutung allgemein verbindlicher Kriterien zur Einschätzung von Kultur zurückdrängen. Zeitgenössische Musik und Kunst unterliegen immer weniger gültigen Bestimmungen für Qualität und Relevanz, auch weil das historisch bereits Entwickelte nicht mehr als Maßstab für die eigene Produktion empfunden wird. Das Erodieren der Kritik ist dabei weniger Privatsache als ein Herrschaftsmechanismus, denn Kritik schließt eine notwendige Form von Distanz ein – nicht nur zum eigenen Denken, sondern auch zu den Praktiken, durch die Öffentlichkeit ausgebildet wird und die bestimmen, was zeitgenössische Kultur ist.



© Deutschlandfunk Kultur, Neue Musik, 24.1.2023

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