„Es ist ein Ende der Welt!“ Kann man diese Werke leicht verstehen? Man kann!

Ein Rückblick auf die Avantgarde beim Musikfest Berlin 2023 von Berthold Seliger. Auf dem Programm der legendären Wiener Arbeiter-Symphoniekonzerte standen von 1905 bis zum Februar 1934 zahlreiche Werke wichtiger Komponisten vergangener Epochen.

Die Sinfonien von Bruckner oder Mahler waten damals nur wenige Jahre oder Jahrzehnte alt, aber auch etwa ein Drittel zeitgenössischer Musik, also von lebenden Komponisten, darunter 25 Uraufführungen, unter anderem von Bartók, Eisler, Korngold, Krenek oder Schönberg.

Die Konzerte wurden am häufigsten von Ferdinand Löwe und von Anton Webern geleitet, aber auch von anderen renommierten Dirigenten wie Oskar Fried (dessen Zyklus mit Mahler-Sinfonien »wackeren Spießern Verdauungsschwierigkeiten bereitet«, wie die Arbeiterzeitung schrieb), Jascha Horenstein, Clemens Krauss, Georg(e) Szell und sogar Richard Strauss.Wilhelm Furtwängler feierte bei den Arbeiter-Sinfoniekonzerten sein Wien-Debüt, und Bela Bartók spielte dort 1927 die österreichische Erstaufführung seines »Ersten Klavierkonzerts«. Die Eintrittspreise waren niedrig, um allen Arbeiter*innen die Teilnahme zu ermöglichen, es gab ausführliche Programmhefte, die natürlich kostenlos verteilt wurden, denn sie sollten »das Verständnis der Werke erleichtern«. Die Wiener Arbeiter-Symphoniekonzerte verfolgten die Demokratisierung des Musiklebens und waren eine Maßnahme der Kulturpolitik des Austromarxismus bis zum gescheiterten Aufstand 1934, dem dann »der weiße Terror des Klerikalfaschismus folgte« (Heinz-Klaus Metzger).



© ND, Kultur, 28.9.2023

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