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Essay: Der Kanon ist tot! Es lebe der Kanon!

Von Peter Pohl (DLF). Machtinstrument oder Maßstab für Qualität? – Der literarische Kanon bleibt umstritten. Dennoch ist die Debatte unverzichtbar – als Spiegel gesellschaftlicher Werte, Werkzeug ästhetischer Kritik und Motor lebendiger Literaturvermittlung.

Vielen gilt der literarische Kanon als überholt, als Manual der kulturellen Deutungshoheit der Gebildeten, als Instrument gesellschaftlicher Exklusion. Doch seine Abschaffung würde das Denken über Literatur um ein zentrales Reflexionsfeld bringen. Denn Kanones entstehen nicht nur durch ästhetische Urteile, sondern durch soziale Praktiken, Institutionen und historische Konstellationen – und sie bleiben darum veränderlich.

Gerade diese Wandelbarkeit macht sie produktiv: Sie zeigen, wie Werte, Normen und Geschmacksurteile entstehen, wie sie sich verfestigen und wieder auflösen. In aktuellen Debatten – ob um Diversität, Schulcurricula oder neurechte Lesepolitiken – erweist sich der Kanon als Brennglas kulturpolitischer Konflikte.

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, die seine Mechanismen untersucht, anstatt ihn abzuschaffen, kann kritisches Urteilsvermögen schärfen und historische Sensibilität fördern. Das „Kanonproblem“ ist damit keine Schwäche, sondern auch Voraussetzung lebendiger Literaturwissenschaft. 

Peter Pohl ist Literaturwissenschaftler und arbeitet als Senior Scientist an der Universität Innsbruck. Nach dem Studium der Germanistik und Kulturwissenschaft wurde er mit einer Arbeit zu Robert Musil an der Universität Bremen promoviert. Seine Habilitationsschrift Kreativitäts-Szenen. Der Bildungsroman und die Geschichte freier Zeiten ist 2025 bei Brill erschienen und bei Open Access erhältlich. Die Studie entfaltet das Potenzial kanonisierter Bildungsromane des 18. und 19. Jahrhunderts zur kritischen Reflexion der gegenwärtigen Kreativökonomie.

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