Essay: Die Grenzen der Autonomie oder Wie Post-Covid und ME/CFS das Leben verändern
Von Jana Petersen (DLF). Wie lebt man, wenn der Alltag zur Herausforderung wird, die sich kaum bewältigen lässt? Die chronische Erkrankung ME/CFS stellt nicht nur das Gesundheitssystem auf die Probe, sondern auch das eigene Streben nach Selbstbestimmung in einem stillgestellten Körper.
Erst lernte eine Gesellschaft das Leben unter der Corona-Pandemie, dann lernte sie und gleichsam das Gesundheitssystem, dass für manche Menschen die Infektion bleibende Beeinträchtigungen hinterlässt. Long Covid wurde schnell zu einem Begriff für ein Bündel von unterschiedlichen Symptomen. Als schwerste Form des Syndroms gilt die chronische, post-infektiöse Krankheit ME/CFS. Sie macht ein normales Leben zur größten, fast unüberwindbaren Anstrengung.
In dieser Situation gilt es, dem Leben eine neue Form zu geben, der Autonomie eine neue Gestalt, der Angewiesenheit auf Fürsorge eine Würde. Der Alltag wird zu einem Versuch, in der Krankheit Maß und Form zu finden, Pacing als Lebensform zu entdecken, die Praxis der Selbstführung den eigenen, sich ständig wandelnden Möglichkeiten anzupassen.
Dabei entsteht nicht nur der Blick ins Innere einer Krankheit, sondern eine Reflexion über Freiheitsmöglichkeiten, Zeiterfahrungen und Verletzlichkeit. Diese Reflexion wird unter der Hand zum Prüfstein für die gesellschaftlichen Fitness- und Körperideale in einer individualisierten Leistungsgesellschaft.
Jana Petersen, Jahrgang 1978, studierte Sozial- und Kulturanthropologie und Religionswissenschaft an der FU Berlin und absolvierte die Evangelische Journalistenschule. Sie war Redakteurin der Wochenendausgabe der taz, die tageszeitung, für die sie noch immer als Autorin schreibt. Ihre Texte erscheinen zudem in Publikationen wie Zeit Online, Monopol und Feministische Studien. Seit 2022 ist Jana Petersen an ME/CFS erkrankt und berichtet über ihr Leben mit der Krankheit. Sie hat zwei Kinder und lebt in Berlin.