Essay: „Gewalt und Gegengewalt denken“ Mit Frantz Fanon die Gegenwart verstehen
Von Teresa Koloma Beck (DLF). Multiple Krisen und der Aufstieg neoimperialer und illiberaler Politik lassen neue Topographien des Ausnahmezustands entstehen. Alte Fragen treten neu auf den Plan – etwa die nach der Legitimität von Gewalt in politischen Kämpfen für Gerechtigkeit.
Wie lassen sich gewaltsame Herrschaftsverhältnisse verändern? Ist Gewalt gegen Gewalt legitim? Und welche Folgen zieht sie nach sich? Ein Autor, dessen Werk in besonderer Weise dazu einlädt, diese Fragen zu durchdenken, ist Frantz Fanon. Der 1925 auf Martinique geborene Psychiater, Schriftsteller und Vordenker der Dekolonisierung, der 1951 eine ärztliche Leitungsposition aufgab, um sich der algerischen Unabhängigkeitsbewegung anzuschließen, hat sich intensiv und aus sehr unterschiedlichen Perspektiven mit ihnen befasst. Seine Analyse zwingt dazu, nicht nur über Strategien politischer Umwälzung nachzudenken, sondern ebenso die Folgen von Gewalt in den Blick zu nehmen – auch und gerade dort, wo sie politisch und moralisch notwendig erscheint.
Fanon insistiert, dass Befreiung Gegengewalt erfordert. Doch die geballte Faust ist für ihn kein Instrument des Hasses, sondern eher eine Art Rehabilitationsgerät: Sie richtet das gebeugte Subjekt auf, zerstört den Spiegel der Demütigung und ermöglicht so die gemeinsame Arbeit an einer „annehmbaren Welt“. Fanon zeigt eine Welt, die nur durch Gegengewalt geheilt werden kann, auf diese Weise jedoch zugleich aufs Neue verwundet wird. Ein Crashkurs in Zorn, Würde und dem Preis der Revolte: Wo Heilung endet, beginnt der Kampf.
Teresa Koloma Beck ist Soziologin und beschäftigt sich mit Globalisierungsprozessen und dem Alltag in sozialen und gesellschaftlichen Krisen. Dabei interessiert sie sich besonders für die Bedeutung kolonialer und imperialer Geschichte in den Gegenwartsgesellschaften. Sie ist Professorin für Soziologie an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Für ethnographische Forschung war sie in Angola, Mosambik und Afghanistan. Immer wieder ist sie auch außerhalb des akademischen Elfenbeinturms unterwegs als Expertin in politischen, künstlerischen und zivilgesellschaftlichen Praxisfeldern.
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 19.10.2025