Essay: „Unverdienter Reichtum“ Die Erbschaftssteuer als politisches Instrument
Von Jens Beckert (DLF). Sobald es um die Erbschaftsteuer geht, steigt die gesellschaftliche Empörungskurve. Wachsende Ungleichheit bei steigendem staatlichem Finanzbedarf scheint nach einer stärkeren Belastung der Erben zu rufen.
Die Sorge um die wirtschaftliche Zukunft des Mittelstands steht auf der anderen Seite. Die Erbschaftsteuer ist seit über 100 Jahren politisch stark umstritten, da sie zentrale Konfliktlinien liberaler Gesellschaften berührt: das Verhältnis von Staat und Familie, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die Legitimität von Vermögen und politische Macht.
Trotz hoher ererbter Vermögen ist das Steueraufkommen aus Erbschaften gering, die Debatte darum ist jedoch symbolisch überfrachtet. Reformen gelten schon wegen der wachsenden Ungleichheit und begrenzten fiskalischen Spielräumen als notwendig, sind aber schwer durchsetzbar: Wirtschaftsverbände und bürgerliche Parteien warnen vor Gefahren für Unternehmen, linke Parteien fordern höhere Belastungen großer Vermögen.
Die emotional aufgeladene Auseinandersetzung steht allerdings im Missverhältnis zur begrenzten Wirkung der Steuer. Realistisch kann sie nur einen kleinen Beitrag zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben leisten und ein Signal verteilter Verantwortung senden.
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 1.3.2026