Essay: US-Wahl „Great again?“ – Der Kulturkampf in den USA
Von Markus Metz und Georg Seeßlen. Der Wahlkampf in den USA ist längst Ausdruck eines Kulturkampfs. Auf der einen Seite das liberale, progressive Amerika, auf der anderen das puritanische, religiös geprägte. Wo sind die Wurzeln für diesen Riss, der durch die Kultur des Landes geht?
Aus europäischer Perspektive erschien die amerikanische Kultur auf den ersten Blick als eine beneidenswerte, wunderbar vielfältige und nach allen Seiten offene Angelegenheit. Mit Platz für alle Religionen dieser Welt, für viele Lebensentwürfe, für die Freiheit von Kunst und Kritik in den Städten und für nostalgische Idyllen in den Regionen, für Bigotterie wie für Atheismus, für Pop und Hochkultur, und für beinahe jede Art von Meinung und Geschmack. Das alles zusammen gehalten vom „American way of life“, für den Coca Cola, Hollywood und Halloween standen, der aber eine viel tiefere Gemeinschaft in Vielfalt ausdrückte.
Alle Einwanderergruppen durften ihre eigenen kulturellen Gepflogenheiten und sogar ihre Sprachen beibehalten: Das Modell ‚verschiedene Kulturen in einer Gesellschaft‘ funktionierte und wurde zum Leit- und Sehnsuchtsbild: Land der Freien und Heimat der Tapferen.
Der Kulturkampf, der seit dem Ende des letzten Jahrhunderts in den USA im Gang ist, scheint nun aber den Grundkonsens einer Einheit in Vielfalt fundamental infrage zu stellen. Das spielt sich auf einer politischen Ebene ab, wo der politische Opponent nicht mehr als fairer Wettbewerber, sondern als Feind betrachtet wird und wo ein Populist wie Donald Trump das konservative, das rechte und das anti-liberale Amerika zu einem Kreuzzug gegen die liberale, linke und „woke“ Elite führen will. Und der Kulturkampf spielt sich in den öffentlichen Debatten ab, in Hasspredigten und Fake News, in gegenseitiger Denunziation und Drohung.
Vereinfacht gesagt: Es geht um eine Auseinandersetzung zwischen der universalistischen, liberalen und progressiven Seite der amerikanischen Kultur und der kommunitaristischen, konservativen und nostalgischen Seite.
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 03.11.2024