„Früher war’s lauter“ Das neue Album von Mogwai von Johannes Creutzer
Das neue Album von Mogwai stieg in Großbritannien auf Platz eins der Charts ein – dank einer klugen Medienkampagne. »As the Love Continues« schrammt aber wie alle anderen Alben der Band haarscharf am Mainstream vorbei und präsentiert eine neue Facette von Mogwai: den Space Rock.
To the bin my friend, tonight we vacate earth.« Diese Worte, leidenschaftslos, fast schon teilnahmslos eingesprochen, sind das Erste, was man, noch bevor die Musik einsetzt, hört. Gleichzeitig ist es der Titel des ersten Songs auf dem zehnten Studioalbum von Mogwai. »As the Love Continues« ist, wie der Titel verspricht, ein weiteres Kapitel im opulenten Gesamtkunstwerk der Band. Die Platte lässt keinerlei Langeweile aufkommen, sondern offenbart, wie ein geliebtes Gegenüber, immer neue Seiten. Für eine gute Stunde ermöglicht sie dem Hörer, dem Alltag den Garaus zu machen, wenn auch zurzeit nur vom Sofa aus. Der Band, die sehr stolz auf ihre Live-Auftritte ist, wird diese Trockenübung nur bedingt gerecht.
Piano und Schlagzeug setzen ein, nach 30 Sekunden gesellt sich das wohlige Rauschen aus verzerrter Gitarre und Bass hinzu. Langsam hebt sich der Schleier, das Zeitgefühl geht verloren; mit geschlossenen Augen lässt es sich am besten schwelgen, staunen und im sanften Rauschen verschwinden. Beim nächsten Realitätscheck sind schon drei Songs und 15 Minuten vergangen. Mogwai haben ihr Markenzeichen, den ständigen Wechsel zwischen Noisewall und Sphärenklang auf ihren ersten Alben (allen voran auf dem Klassiker »Come On Die Young« von 1999), überwunden. Aus der (Post-)Hardcore-Band sind in dem guten Vierteljahrhundert ihres Bestehens Post-Rocker geworden, die nun auffällig zum Space Rock tendieren.
© JungleWorld, Dschungel, 11.3.2021